Der Tamponlaser

Eigentlich wollten wir am Samstag nur eine Wickelkommode abholen, die wir im örtlichen Kleinanzeigenmarkt gefunden hatten. Eigentlich auch kein Problem: Rein ins Auto, ab nach Elmshorn, Kommode auseinanderbauen, einladen, bezahlen, zurück nach Hause, aufbauen, einräumen, freuen, fertig. Aber natürlich kam mal wieder alles ganz anders.

Eigentlich wäre es ganz glatt gelaufen, wenn meine Erstbeste Hälfte ihren Wohnungsschlüssel dabei gehabt hätte. Oder ich meinen. Oder wir beide unsere. Gegenseitiges Vertrauen ist zwar einer der Grundpfeiler für eine erfolgreiche Ehe, Kontrolle ist aber offenbar auch nicht schlecht. Zumindest vor der gerade zufallenden Haustür, wenn es darum geht, wer den Wohnungsschlüssel dabei hat. In unserem Fall: Natürlich niemand.

Es versteht sich von selbst, dass auch der Autoschlüssel am Schlüsselbund hing und der Ersatzschlüssel in einer geschätzten Entfernung von knapp 400km leise in der Schublade kicherte. Aber egal – selbst ist der Mann. Wäre doch gelacht, wenn ich so eine 08/15-Wohnungstür nicht öffnen kann. Schimanski kann das schließlich auch.

Also: Kreditkarte rausgeholt, in den Türspalt geschoben und hoch und runter bewegt. Und hoch und runter. Und runter und hoch. Und rein und raus. Und hoch und runter. Und wieder raus. Und wieder rein. Meine Hoffnung, dass im Türrahmen ein geheimer Kartenleser sitzt, der beim Durchziehen der Karte die Tür öffnet bestätigt sich leider nicht. Das muss irgendwie anders funktionieren. Vielleicht, indem mit der Karte der Riegel zurückgeschoben wird? Fragt sich nur, wie man an den Riegel rankommt. Denn die Kreditkarte lässt sich zwar in den Türspalt schieben, schafft aber den Knick um 90° nicht, der notwendig wäre, um an den Riegel ranzukommen. Denn dieser ist ja leicht versetzt um die Ecke, damit es nicht zieht. Und damit nicht jeder Depp die Tür mit einer Kreditkarte öffnen kann. So geht’s also nicht. Vielleicht mit etwas Nachdruck?

Ich versuche, die Kreditkarte um die Ecke zu zwängen. Das wäre doch gelacht! Mit hochroten Kopf, Schweißperlen auf der Stirn und vollem Einsatz versuche ich, zum Türriegel vorzudringen und lächele dabei überlegen dabei der Nachbarin zu, die vorsichtig und ängstlich aus der Wohnungstür gegenüber lugt. Nur noch ein kleines Stück! Ich drücke und Presse und schiebe… und habe eine halbe, quergeteilte Kreditkarte in der Hand. Die andere Hälfte steckt dekorativ im Türrahmen. Sehr schön! Meine Erstbeste Hälfte kichert leise, die Nachbarin schlägt ebenfalls glucksend die Tür zu und ich überlege kurz, ob ich die Tür nicht einfach mit meiner Erstbesten Hälfte als Rammbock aufstemmen kann.

In meiner Not beschließe ich, Werkzeug aus dem Keller zu holen und die Tür aufzustemmen. Das schafft ja selbst Derrick! Im Keller fällt mir ein, dass der Kellerschlüssel unerreichbar im Hausflur hängt. Das Kellerschloss sieht allerdings weniger widerstandsfähig aus. Also hole ich meinen kleinen Leatherman aus der Tasche und versuche, das Bügelschloss zu knacken. Keine Chance. Auch den Türriegel bekomme ich nicht gelöst.

Jetzt reicht’s! Ich schmeiße mich zwei, dreimal mit der vollen Wucht meiner 95 Kilogramm Lebendgewicht gegen die Kellertür, um die Kellertür vom Riegel zu lösen – und merke, wie der Türriegel sich löst. Allerdings nicht von der Tür, sondern von der Kellerwand, aus der ein großes Stück samt Riegel und drum herum heraus bricht. Sehr schön! Immerhin ist die Tür auf. Die Wand werde ich später wieder zukleistern, das ist ja kein Problem für einen erfahrenen Heimwerker – bisschen Gips drauf und gut ist.

Ich stolpere also in den Keller, suche mein Werkzeug und dann fällt mir spontan ein, dass ich im Rahmen einer Ausmistungsaktion vor ein paar Wochen das komplette Werkzeug im Arbeitszimmer der Wohnung platziert habe. Sehr schlau! Also wird das heraus gebrochene Stein- und Zementgelumpe wieder notdürftig an seinen ursprünglichen Platz platziert, um wenigstens den Eindruck einer geschlossenen Kellertür zu erwecken, die mehr als ein kräftiges Husten benötigt, um aus dem Rahmen zu fallen.

Wieder auf dem Weg nach oben durchkrame ich meine Taschen, bitte meine Erstbeste Hälfte, dasselbe zu tun. Wir finden einen kleinen Leatherman und einen Tampon. Nicht grad die perfekte Einbruchsausrüstung. Ich schaue auf meine Armbanduhr, und habe eine Idee: Zusammen mit der Uhr und meinen beiden Kontaktlinsen lässt sich sicherlich etwas basteln. Was McGyver schafft, das schaff ich schon lange!

Ich schneide mit dem Leatherman den Tampon 3x quer ein: Einmal vorne, einmal in der Mitte und einmal hinten. Dann friemel ich mit dem Leatherman das Uhrglas aus der Uhr und schiebe es in den hinteren Einschnitt. Die beiden Kontaktlinsen werden aus den Augen genommen und wandern jeweils in den mittleren und vorderen Einschnitt, was in Anbetracht meiner 6 Dioptrien eine ziemliche Fummelarbeit ist.

Ich ertaste und entrolle das Rückholbändchen des Tampons und nehme den Tampon in die linke Hand – mit dem Ende zum Körper hin. Mit der rechten Hand greife ich das Bändchen und fixiere durch leichten Zug die Position meines selbstgebauten Tamponlasers. Nun muss ich das Teil nur noch so halten, dass möglichst viel Licht aus einem Fenster oder der Treppenhausbeleuchtung auf das Uhrglas fällt. Das Bändchen als Parallele zur optischen Achse dient zum Zielen; die Vorderseite des Tampons ist auf das Türschloss gerichtet.

Zwei Nachbarn, die just in diesem Moment die Treppe hinunter kommen, werden Zeugen einer bizarr anmutenden Szenerie: Ein offenbar blinder Mann zielt vor einer verschlossenen Haustür mit einem Tampon in dem ein Uhrglas steckt auf das Türschloss. Ich versuche möglichst cool zu lächeln und erkläre nebenbei, dass ich mithilfe des Tamponrückholbändchens den Lichteinfall so justieren will, dass durch die Linsenwirkung ein Laserstrahl erzeugt wird, der in kürzester Zeit das Schloss aufsprengt.
Die Nachbarn nicken freundlich, wünschen mir viel Glück und haben es auf einmal sehr eilig. Unfreundliches Volk. Meine Erstbeste Hälfte schaut mich mit Tränen der Rührung in den Augen an und macht glucksende Geräusche. Das Schloss macht gar nichts und bleibt zu. Naja, ich bin nun mal nicht McGyver.

Ich überlege kurz, durch das gekippte Fenster im Bad einzusteigen – schließlich ist auch das laut Polizeiinfoblatt gar kein Problem – lasse diesen Gedanken angesichts des flehenden Blickes meiner Erstbesten Hälfte wieder fallen und beschließe, den Schlüsseldienst zu rufen, der seinen Werbeaufkleber äußerst werbewirksam an der Innenseite der Haustür platziert hat.

Während der 45 Minuten die wir vor der Haustür auf den Schlüsseldienst warten versuche ich, meine halbe Kreditkarte wieder aus dem Türrahmen zu fummeln, weil das doch etwas peinlich ist. Natürlich erfolglos. Der Schlüsseldienstmensch naht, ich will schnell die 6 Stufen zur Haustür heruntereilen, um ebendiese zu öffnen, rutsche auf der nassen, obersten Stufe der Treppe nach vorne weg, poltere besser als Jackie Chan es in seinen Filmen je gezeigt hat arsch- und rücklings die Betonstufen herunter und bleibe unten vor dem Schlüsseldienstmann liegen, der mich durch die Glasscheibe der Haustür mit kritischem Blick beäugt.

Vorsichtig versuche ich, meine einzelnen Körperteile zu bewegen und erwarte, dass ich vom Schlüsseldienstmann mindestens eine 5.9 als B-Note für diesen genialen Sturzflug angezeigt bekomme. Aber nichts dergleichen. Ich ernte nur einen verunsicherten Blick. Immerhin scheint noch alles zu funktionieren. Mein Rücken und das Hinterteil fühlen sich zwar an wie von Edward mit den Scherenhänden massiert, aber alles scheint noch dran zu sein. Also beruhige ich erstmal die Erstbeste Hälfte, verpasse leider, wie der Schlüsseldienstmann innerhalb von 15 Sekunden mit einer Kreditkarte unsere Wohnungstür öffnet, dafür 50 Euro kassiert und mit einer Geschichte nach Hause verschwindet, die er vermutlich noch seinen Schlüsseldienstenkeln erzählen wird. Aber die Tür ist auf…

Ansonsten passierte eigentlich nichts Schlimmes mehr. Kein Unfall auf dem Weg nach Elmshorn, die Wickelkommode samt zugehörigen Schränken passte so grade ins Auto und den Aufbau zuhause erledigte dann doch lieber meine Erstbeste Hälfte, während ich auf dem Bauch liegend die Sportschau verfolgte.

Weil mein Hintern am Abend doch etwas lädiert ausschaute und um sicher zu gehen, dass wirklich keine bleibenden Schäden davonbleiben, sind wir dann spätabends noch mal ins Krankenhaus gefahren, wo ich in den zweifelhaften Genuss einer gründlichen Rektaluntersuchung kam – von außen und von innen. Zwar verstehe ich nicht so ganz, warum eine Rektaluntersuchung dafür notwendig war und ich konnte es mir auch nicht verkneifen, auf die Frage des behandelnden und in meinem Rektum rumwurschtelnden Arztes
“Tut das weh?”
zu antworten:
“dazu ist ihr Finger weder lang noch dick genug, aber machen sie ruhig weiter!”
Immerhin will man für die 10 Euro Krankenkassengebühr ja auch seinen Spaß haben, nicht wahr?