Tropic Dreams

Gibt es etwas nervenderes als Fliegen auf dem Scheißhaus? Gibt es etwas Entwürdigenderes als das Bild eines sein Geschäft verrichtenden Mannes, der gleichzeitig krampfhaft versucht, eines dieser Scheißviecher zu erledigen, die sich ganz besonders gerne von hinten nähern, auf die freiliegende Arschbacke setzen und dann langsam gen Mitte spazieren? Gibt es etwas Unangenehmeres als das Gefühl einer auf dem blanken Arsch herumspazierenden Stubenfliege?

Wohl kaum. Deshalb versuche ich in der Regel, diese Viecher vor der Erledigung dringender Geschäfte zu eliminieren. Zuhause habe ich zu diesem Zweck eine Fliegenklatsche im WC platziert. Damit gehts ruckzuck. Im Büro ist das allerdings schwieriger. Denn auf dem Firmenscheißhaus eine Fliegenklatsche dauerhaft zu disponieren ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Ding wird schneller geklaut als meine Funkmaus, wenn ich mal eben Kaffee holen bin. Und unseren Kunden möchte ich halt das Bild eines Mitarbeiters ersparen, der mit Fliegenklatsche in der Hand das Scheißhaus betritt. Das kommt doch etwas ungewöhnlich.

Natürlich ist es möglich, die Tür offen zu lassen und das Scheißvieh rauszujagen. Allerdings sollte man bei einer solchen Aktioni daran denken, dass die Toilette auch von Kunden benützt wird, die sich beim Anblick eines auf dem Klosett stehenden und wild in der Luft rumfuchtelnden Angestellten möglicherweise doch für eine seriösere Agentur entscheiden. Also muss das Problem intern gelöst werden. So wie grade eben…

11:15 Nach diversen unaufschiebbaren Meetings, der dringenden Beantwortung wichtiger E-Mails und dem kurzen Scannen der neuesten DVDBoard.de-Themen kann ich meine körperlichen Bedürfnisse nicht mehr zurückhalten und begebe mich aufs Firmen-WC.

11:20 Ich schließe die Tür und entdecke eine unscheinbar aussehende Firmenstubenfliege. Das sind die Schlimmsten! Da ich keine Lust habe, mir mein allmorgendliches Geschäft durch ein niederes Insekt versauen zu lassen, entwickle ich spontan eine Tötungsabsicht.

11:21 Die ersten Versuche, die fröhlich umherschwirrende Firmenstubenfliege mit der Hand einzufangen schlagen natürlich fehl. Immerhin bin ich jetzt aufgewärmt. Mein Darm meldet yellow alert. Noch kann ich mich beherrschen.

11:24 Die Firmenstubenfliege sitzt auf den Bodenfliesen. Ich versuche sie mit dem Fuß plattzutreten, was allerdings mißlingt. Sie setzt sich erneut nieder. Ich trete erneut. Zu langsam. Das Spiel geht ein paar Minuten weiter. Bis ich überlege, welchen Eindruck wohl jemand bekommt, der vor der Tür steht hört, dass auf dem Scheißhaus ganz offensichtlich irischer Stepptanz geübt wird.

Mein Darm spielt noch mit und meldet orange alert.

11:30 Ich suche Nahkampfwaffen, die mir beim Kampf gegen die Firmenstubenfliege behilflich sein können. Da das Firmenscheißhaus nur spärlich möbliert ist, habe ich nicht viele Möglichkeiten. Ich überlege erst, mit Klopapierrollen zu werfen. Verwerfe diesen Gedanken aber wieder, weil ich keine Lust habe, mich nach dem Tötungsvorgang aus 50 Metern Klopapier zu befreien. Und auch nicht weiß, wie ich meinem WC-Nachfolger das Papierchaos erklären soll, ohne meine Führungsautorität komplett zu demontieren.
Eine Alternative ist der Einsatz der Klobürste als Schlagwerkzeug. Allerdings habe ich noch weniger Lust, beim Rumfuchteln mit diesem Teil von organischen Teilchen getroffen und dann von einer Firmenstubenfliege ausgelacht zu werden. Bleibt also nur das Raumspray Marke „Tropic Dreams“.

Mein Darm meldet red alert und gibt mir noch schätzungsweise 60 Sekunden bis zur Evakuierung.

11:31 Ich nehme die halbvolle Familienspraydose „Tropic Dream“ in die Hand, lokalisiere die Firmenstubenfliege und halte voll drauf. Treffer! Das Vieh fliegt weiter. Ich halte erneut voll drauf und sprühe, was das Zeug hält. Bingo! Die vormals gradlinigen Flugbahnen der Firmenstubenfliege bekommen erste grobmotorische Schlenker. Das reicht aber noch nicht! Also gebe ich jetzt alles: Finger auf den Tropic Dreams Drücker und vollrohr drauf. Nach ca. 10-20 Sekunden intensiver Sprühdusche torkelt die Firmenstubenfliege langsam in unförmigen Spiralen gen Boden, wo sie ein beherzter Tritt von mir endgültig ins Firmenstubenfliegennirwana befördert. Das wars, motherfucker!

11:32 Der Countdown läut. Ich öffne den Klodeckel, reisse die Hose herunter, schmeisse mich auf die Klobrille und atme erleichtert… bzw. versuche zu atmen… bzw. suche Luft… bzw. atme eine halbe Pulle Tropic Dreams, die ich auf schätzungsweise 10 Kubikmetern Luft verteilt habe, so flach wie möglich ein.

11:34 Die weißen Wandfliesen weisen auf einmal rosa und pinkfarbene Punkte und Flecken auf. Der Türgriff wabert mich an. Ich atme tief durch, bekomme Angst, von der WC-Brille hochzuschweben und halte mich mit beiden Händen an ihr fest. Ich atme so tief durch wie es geht.

11:35 Mein Darm ist evakuiert. Ich bekomme tierisch Lust, „Sunshine Reggae“ zu trällern und gebe mich aus vollem Halse dieser spontanen Stimmung hin.

11:37 Ich fühle mich wohl. Sehr wohl. ich atme so tief durch wie irgendwie möglich, mich dazu im Kreis und versuche Dustin Hoffmann in ‚Rain Man‘ zu imitieren.

11:40 Ich wische mir den Hintern ab, öffne die WC-Tür, lächel dem auf dem Flur versammelten Projektteam freundlich zu, schwebe zurück in mein Büro, lege mich auf meine Bürocouch und gebe mich meinen wunderwunderbaren Tropic Deams hin.

12:00 Mein Chef weckt mich. Ich habe Kopfschmerzen und Erklärungsbedarf und entscheide im Fall einer Kündigung, künftig in sozialen Brennpunkten Raumspray als ultimative Kombination aus Drogenersatz und Nahkampfmittel zu verkaufen.

Über eventuelle bleibende Schäden halte ich Euch auf dem Laufenden.

Einen Kommentar schreiben

 

 

 

Diese HTML-Tags können verwendet werden

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>