Neopren auf der Arbeitsplatte

Endlich komme ich mal dazu, einen etwas ausführlicheren Bericht darüber zu schreiben, wie ich den tropfenden Wasserhahn in der Küche bekämpft habe. Vorab: Einfach war’s nicht. Und ich hab den Kampf auch nicht alleine gewonnen. Aber interessant war’s allemal:

Mittwochabend, 19 Uhr: Feierabend. Geschafft von einem harten Arbeitstag betrete ich mein trautes Heim und bemerkte schon beim ersten Blick in die Küche, dass das bisher stetige aber langsame Tropfen des Warmwasserhahns in der Küche im Lauf des Tages zu einem tröpfelnden Fließen übergegangen ist.

Da kein weibliches Wesen es länger als 10 Minuten in Hörweite dieses Tropfgeräuschs aushalten kann, ohne sich in diesem Zeitraum fröhlich in die Hose zu pinkeln, beschließe ich, das Problem aus der Welt zu schaffen und dieses perfide Foltergerät für Inkontinenzisten ein für allemal still zu legen. Und da mir die letzte „Ich wechsle mal eben die Dichtung-Aktion“ der ersten drei Januar-Wochen noch allzu gut in Erinnerung ist, bereite ich mich diesmal besser vor und zwänge mich in den extra für solche Notfälle bei ebay ersteigerten Neopren-Anzug, nachdem ich sämtliche Elektrogeräte gegenüber des betreffenden Wasserhahns entfernt und die dortigen Steckdosen bombenfest abgedichtet habe. Der komplette Handtuch-Vorrat unseres Haushaltes befindet sich griffbereit auf der Schwelle zum Flur ausgebreitet, die Telefonnummer der örtlichen Feuerwehr ist mit wasserfestem Edding auf die Schranktüren gemalt und der Erste-Hilfe-Kasten mit wasserdichtem Pflaster befindet sich im wasserfesten Rucksack, den ich meiner ErstBestenHälfte umgeschnallt habe.

19:30 Und los geht’s! Ich beschließe, erst einmal das Wasser abzudrehen. Kein Problem – direkt unter der Spüle befindet sich ein gut erreichbarer Wasserhahn. Nach kurzer Überlegung, welche der Muttern am Wasserhahn ich zuerst lösen soll entscheide ich mich großspurig für die Größte, setze den Maulschlüssel an und ziehe wie ein Ochse.

19:40 Ich ziehe immer noch, beschließe wieder einmal ein Probe-Krafttraining zu absolvieren und überlege, welche Kosten auf mich zukommen, wenn die komplette Armatur aus der Wand bricht.

19:45 Ich habe eine geniale Idee und versuche einfach mal, die Mutter anders herum zu drehen. Na bitte! Ist doch ganz einfach! Meine EBH gibt im Flur glucksende Geräusche von sich gibt, die ich durchaus als unterdrücktes Gelächter interpretieren würde, wenn ich nicht so sicher wäre, dass sie es aus lauter Stolz auf Ihren heimwerkenden Gatten nie wagen würde, ihn bei der Ausübung seiner ehelichen Pflichten auszulachen.

19:47 ALAAAAARM!!!! Wo kommt das Wasser her? Die Mutter ist lose und es spritzt fröhlich aus allen Seiten heraus. Ich drehe die Mutter fachmännisch wieder fest, untersuche den Wasserhahn unter der Spüle genauer und stelle fest, dass dieser offenbar zur gerade laufenden Waschmaschine führt, aber keinen Einfluss auf die Wasserversorgung der Küchenarmaturen hat.

19:50 Also wird eine Expedition in den Keller notwendig: Die Suche nach dem verlorenen Haupthahn. Im Neoprenanzug, mit aufgesetzter Taucherbrille auf dem Kopf und extradicker MacLite – Größe „Anal total“ – bewaffnet, steige ich vorsichtig in den Keller und taste mich dort an den Rohren entlang, die mir den Weg zum Haupthahn weisen. Eine Nachbarin, die just zu diesem Zeitpunkt mit ihrem Wäschekorb im Kellerflur um die Ecke biegt, beginnt bei meinem Anblick hysterisch zu schreien. Ich schreie angesichts der mit Lockenwicklern garnierten und laut keifenden Schreckschraube ebenfalls, worauf hin diese so schnell die Flucht ergreift, wie es in Schreckschraubenpuschen möglich ist. Offenbar ist der spontane Anblick eines neoprenbeanzugten Nachbarn, der mit überdimensionaler Taschenlampe im Keller herumschleicht, furchterregender, als ich dachte.

19:55 Ich finde endlich einen großen Wasserhahn. Das muss er sein! Mit äußerster Kraftanstrengung gelingt es mir, das Ding zu zudrehen.

20:00 Zurück in der Wohnung teste ich erst einmal, ob noch Wasser durch die Bude fließt und drehe probeweise alle Hähne im Badezimmer auf: Nix passiert. Die Hähne sind trockener als Alice Schwarzer beim Megaman.

20:05 Ich drehe beide Muttern des Wasserhahns in der Küche ab und entferne die komplette Armatur. Die beiden Wasserrohre schauen mich bedrohlich aus der Wand an.

20:10 Ganz professionell und ohne größere Probleme wechsle ich die Dichtungen am Wasserhahn.

20:30 Zwanzig Minuten später… Sodala – jetzt noch alles zuschrauben und gut ist. Komischerweise passt die Armatur jetzt nicht mehr auf die Rohre, die mich hämisch durch die Wand anzugrinsen scheinen. Zwar bekomme ich eine Seite festgeschraubt, aber die Rohre scheinen sich ca. einen halben Zentimeter voneinander entfernt zu haben – es passt definitiv nur eins von zwei Wasserhahn-Enden.

20:40 Ich überlege, wie ich die schadenfroh aus der Wand guckenden Rohr-Enden zusammendrücken kann, erinnere mich, dass man die Dinger normalerweise drehen kann, schraube die Manschetten ab und stelle fest, dass irgendein überforderter Heimwerker hinter den Manschetten alles zugespachtelt hat, was meinen Plan zunichte macht, die Rohraufsätze einfach zu verdrehen.

20:45 Ich habe eine Idee!!! Ich werde das linke Rohr mit einem Besenstiel, den ich als Hebel zwischen Rohr und Arbeitsplatte klemme, nach rechts drücken. Ganz einfach!

20:50 Zwei am Küchenfenster vorbeilaufende alte Damen werden Zeuge einer bizarren Szenerie: Ein Mann im Neoprenanzug hockt rittlings mit rotem, verschwitzten Kopf auf einem Besenstiel auf der Küchenarbeitsplatte und stöhnt dabei laut, während eine Frau neben ihm mit den Worten „jaaa… noch ein Stück… gleich ist er drin!!!!“ versucht, irgendetwas irgendworein zu drücken.

20:55 Ich versuche, der Menschenmenge vor unserem Küchenfenster möglichst ungezwungen zuzuwinken, ohne die Hebelwirkung zu vernachlässigen.

21:00 Der Hahn sitzt. Jetzt müssen nur noch die Muttern festgezogen werden.

21:02 Meine EBH und ich wundern sich langsam über den Aufruhr und nachbarlichen Verkehr im Treppenhaus. Meine EBH öffnet die Haustür und wir beide vernehmen eine laute, ärgerliche Stimme aus dem Keller „irgendein Idiot hat den Haupthahn abgedreht!“ Mir schwant Übles…

21:03 Jetzt geht’s um die Wurst! Ich springe zurück auf die Arbeitsplatte und versuche, die Muttern so schnell wie möglich fest zu ziehen, ohne dabei allzu viel Wasser zu schlucken und die vorm Fenster rhythmisch applaudierende Menge zu beachten.

21:05 Die Muttern sind fest. Von draußen ertönt lauter Applaus und Jubelgeschrei. Voller Stolz schaue ich meine EBH an, genehmige mir ein Bier und versuche die immer noch vor meinem Fenster stehende und „Zugabe! Zugabe!“ skandierende Menschenmenge zu verscheuchen.

21:15 Ich wundere mich, woher das Rauschen kommt und erinnere mich vage an aufgedrehte Wasserhähne im Bad…

21:45 Das Bad ist wieder trocken. In der Küche tropft es.

21:50 Die Rufnummer des örtlichen Klempners liegt bereit. Morgen früh werd ich Verstärkung anfordern.
Der Rest ist schnell erzählt: Ein Handwerker kommt am nächsten Tag und braucht keine 20 Minuten, um eine weitere Dichtung am Drehdings der Armatur auszuwechseln und das Tropfen ein für allemal zu stoppen. Und ich weiß jetzt, wie es geht! Das nächste Mal mach ich es wieder allein. Denn selbst ist der Mann. Und wer ruft denn schon ‚nen Klempner wegen eines tropfenden Wasserhahns?

Ein Kommentar zu Neopren auf der Arbeitsplatte

  • Hallo,

    Ihre Texte sind ziemlich kreativ und vor allem amüsant zu lesen. Per Zufall bin ich bei meiner Recherche auf Ihre Seite gestoßen. Ich habe gesehen, dass sie Hobby-Heimwerker sind?! Vielleicht gefällt Ihnen dann auch das Angebot meines Bekannten. http://www.Wawerko.de ist ein Portal für Heimwerker auf dem man ganz einfach Anleitungen austauschen kann. Vielleicht gefällt es Ihnen ja.

    MfG,

    Manfred

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