Windelfetischismus bei IKEA

Der hier beschriebene Sachverhalt ist zwar genauso skurril wie viele meiner geschilderten und natürlich auch ausgeschmückten Erlebnisse, unterscheidet sich von diesen aber ganz erheblich: Er ist genauso passiert, wie ich es hier wiedergebe. Das Erlebnis selbst war schockierend genug und bedarf keiner weiteren Ausschmückungen.

Sollte der Leser oder die Leserin dieser Zeilen am Wahrheitsgehalt zweifeln, so weise ich darauf hin, dass ich mit meinen Texten amüsieren möchte. Die Inszenierung von Horror und das Herbeiführen von Ängsten sind nicht mein Metier und nicht mein Wunsch. Es würde mir deshalb nicht im Traum einfallen, solche Geschichten zu erfinden.

Ich habe deshalb lange überlegt, ob ich diesen Sachverhalt hier veröffentlichen soll. Dagegen spricht, dass diese Website eine humoristische Website sein soll, was auf den folgenden Text nicht zutrifft. Dagegen spricht auch, dass dieses Geschehnis durchaus Ängste hervorrufen kann und auch deshalb von vielen Lesern und Leserinnen als „Urban Legend“ abgetan wird.

Leider ist es keine Urban Legend sondern ein tatsächliches Erlebnis, das ich deshalb hier niederschreibe, um einerseits zu warnen und andererseits zu zeigen, wie desinteressiert die Hamburger Polizei daran ist, die Öffentlichkeit und in diesem Fall stillende und wickelnde Mütter vor offensichtlich sexuell schwer gestörten und gefährlichen Menschen zu schützen.

Da bei uns demnächst ein Umzug ansteht, wollten wir uns mal wieder ein bißchen an Billigmöbeln sattsehen und Pläne für die neue Behausung schmieden. Zwar gibt es noch keinen genauen Termin, fest steht jedoch, dass wir spätestens im Frühjahr 2005 die Wohnung wechseln werden. Rechtzeitig vor dem 5-jährigen Jubiläum in dieser Bruchbude mit diesem widerwärtigen Vermieter, dessen Vorübergehen mit einer unterträglichen Verlängerung des Mietkündigungszeitraums einhergehen würde.

Natürlich war es am Samstag Mittag voll bei IKEA in Moorfleet – einem Hamburger Gewerbestadtteil, in dessen Umfeld ein recht sozialspastisches Einzugsgebiet liegt. Was das Ikeaisieren umso spannender macht – die Möbel sind zwar ganz nett, aber viel interessanter sind die Besucher dort, die einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Tennissockenkultur darstellen – vor allem bei 28 Grad im Schatten.

Ich will Euch die bekannten Einzelheiten wie schwarzbehaarte, weisshäutige Rentnerstelzen in Bermudas und Deichmannsandalen mit einer Hautstruktur wie Michael Jacksons aktuelle Nase oder osteuropäische Spediteurs-Belegschaftsreisenangehörige mit Muskelshirts und K.O-Gas-kompatiblem Achselgeruch ersparen – das kennt ihr selbst zur Genüge. Ebenfalls nicht näher eingehen will ich auf die dummen Blicke, die unserem Family-Team (EBH, Junior und ich) beim intensiven Bettentest zugeworfen worden – ich will nunmal wissen, ob ein Ekström Bettsofa einen Zeugungsversuch übersteht, ohne das Gestänge zu verbiegen.

Auch die semantischen Highlights der neuen IKEA Kollektion 2005 will ich diesmal nicht näher erläutern – auch wenn ich mich beim Entdecken des Sessels „POÄNG“ fast vor Lachen verschluckt habe – wer will schon einen Sessel, der den Arsch offenbar Schraubstockmässig einengt? Und einen Versuch, den Farbton der Pampe zu erklären, den Köttbulars in Rahmsauce mit Preiselbeeren zusammen mit Ketchup und Majo der obligatorisch dazugewählten Pommes Frites erzeugen oder gar diesen Geschmack verzichte ich ebenfalls – die Wörter, die so etwas treffend erklären können sind auf dieser Welt noch nicht vorhanden.

Interessant wurde es erst nach dem Essen. Da Junior sich im Lauf des Mittags gründlich vollgeschissen hatte wollten wir für einen trockenen Hintern sorgen, bevor wir die herrliche Krimskramsabteilung im Erdgeschoss in aller Ruhe durchstöbern wollten. Nicht-Eltern mögen sich an der unmittelbaren zeitlichen Abfolge IKEA-Essen -> Windelwechseln stören. Ich kann Euch beruhigen: das hat keine philosophische Verbindung, sondern ist einfach eine für Eltern ganz normale Selbstverständlichkeit. Also ab zum IKEA Wickelraum.

IKEA hat sehr schöne Wickelräume. In Hamburg-Moorflett stehen zwei Wickelkommoden nebeneinander an der dem Eingang entgegengesetzten Wand; es gibt zwei gemütliche Stillsessel links der Eingangstür, Windeln mit free Refill, angenehmes Licht und einen geruchsdichten Vollgeschissene-Windeln-Behälter. Für alle Nicht-Eltern: Die Wickelkommoden sind gewöhnliche Kommoden mit einer Wickelauflage. Da die Wickelauflage fast immer tiefer ist als die Kommode selbst befindet sich hinter der Kommode also ca. 50 cm Luft. Das hat den Vorteil, dass man hinter der Wickelkommode gut Dinge wie Babywindeln verstauen kann und die Kommode später, wenn Junior ins Töpfchen oder sonst einen dafür vorgesehenen Behälter kotet, ohne Wickelauflage als normale Kommode verwenden kann. Zum Nachteil komme ich gleich.

Junior wird also auf die Wickelauflage gebettet, entwindelt, man freut sich, dass er noch nicht gekotet sondern nur gepieselt hat, weidet sich an seinem fröhlichen Gequieke und dem Versuch, sich in die über der Wickelauflage angebrachten Rolle Papier einzumumifizieren, die man unter das vollgeschissene Kind legt (eine Art Riesenküchenrolle halt, ähnlich wie die Dinger in Arztpraxen auf den Liegen) und beschliesst, natürlich nacheinander ein wenig Wasser nebenan zu lassen, um Junior einen kurzen Intervall eines windelfreien und nacktarschigen Daseins zu ermöglichen, was dieser sehr mag.

Erst verschwindet die EBH, ich gluckse derweil mit Junior um die Wette, knutsche seinen nackten Bauch (und hoffe, dass er mir dabei nicht ins Nasenloch uriniert) und warte auf die EBH, die schnell wieder da ist, um anschließend selber kurz die Blase zu entleeren. Was mir auch völlig unproblematisch gelingt. Bis dahin war auch alles ganz normal…

Als ich die Toilette wieder verlasse steht auf dem Flur eine total aufgelöste, hyperventilierende EBH mit einem laut schreienden Kind auf dem Arm, flankiert von einer IKEA Mitarbeiterin und einer älteren Kundin, die beruhigt auf meine EBH einreden, die sichtlich von der Rolle ist. Was ist denn hier los? Ich denke erst an den obligatorischen Sturz vom Wickeltisch, vor dem jede Oma bei jeder Familienfeier warnt oder eine Riesenspinne auf dem Wickeltisch, was meine EBH gar nicht mag und versuche rauszufinden was los ist bzw. los war. Was etwas schwierig ist, da ich die Erklärung meiner EBH erst nicht glauben kann bzw. an einen schwerwiegenden Übersetzungsfehler im Hörgerät denke. Irgendwann stellt sich dann aber heraus, dass ich wirklich richtig verstanden habe:

Hinter dem Wickeltisch (in den ca. 50 cm Abstand der Kommode zur Wand) hatte sich ein – ich sag jetzt mal ganz krass – Perverser versteckt. Ein Mann. Meine EBH entdeckte ihn, nachdem Sie sch in einen der beiden Stillsessel gesetzt und Junior gerade angelegt hatte. Man kann sich nur vage vorstellen, welcher Schock es für eine Frau ist, die gerade ein gewickeltes Kind an die Brust legt und hinter der Wickelkommode etwas entdeckt, das erst wie eine große Puppe aussieht und sich dann als Gesicht eines Mannes zwischen 20 und 30 herausstellt, der da sitzt und vermutlich auf den Windelgeruch oder das Baygeschrei onaniert. Ja, so etwas gibt es. Offenbar.

Die EBH macht das einzig verständliche, springt vom Stuhl hoch, rennt schreiend aus dem Wickelraum auf den Flur, wo sich recht schnell ein paar Leute um sie kümmern. Der Wickeltischmann flüchtet derweil Richtung Restaurant und verschwindet in der Menschenmenge. Ein paar vorbeiflanierende IKEA-Mitarbeiter zeigen marginales Interesse und gehen dann weiter Mittagessen. Junior schreit wie am Spieß (der Eindruck einer wie von der Tarantel aufspringenden Mutter, nachdem er grad friedilch angefangen hat zu trinken muss indeed für ein 6 Monate altes Kind mehr als schockierend gewesen sein). Ich beruhige beide so gut es geht, weiß auch nicht, was ich machen soll und denke erst an eine Halluzination oder so etwas. Beim Inspieren des Wickelraumes sieht es aber indeed sehr danach aus, dass dort jemand gesessen hat. Zudem meine EBH überhaupt nicht dazu neigt, zu halluzinieren oder derartiges Zeug zu erfinden.

Ich mache also das einzig Mögliche, frage immer wieder was passiert ist, biete beiden meine ruhige Schulter und verfluche meine Blase, die mich ausgerechnet in diesem Moment auf das Pissoir nebenan gelockt hat. Nach ein paar Schlucken Wasser gehts dann auch wieder halbwegs und wir begeben uns ins Erdgeschoss und versuchen weiter zu Ikeaisieren. Was aber nicht wirklich gelingt – der Tag ist versaut, das Umschalten auf „Normalität“ funktioniert überhaupt nicht (trotz einiger unkooridinierter Kaufentscheidungen) und an der Kasse wird mir klar, dass ich jetzt nicht einfach so nach Hause fahren kann, ohne etwas zu unternehmen. Nur: was? Jedenfalls will ich den Sachverhalt irgend einem Ikeaner erzählen und mich nach einer eventuellen Videoüberwachung erkundigen – vielleicht wird ja der Eingangsbereich zum Restaurant überwacht und man kann den Wickeltischmann auf den Aufnahmen wiedererkennen.

Wir begeben uns also nach dem Bezahlen (was, schon wieder soviel???) zur Information und schildern dort den Sachverhalt. Die dortige Mitarbeiterin ist sichtlich schockiert und schickt uns zum Kundenservice. Dort ziehen wir brav eine Nummer, stehen endlos lange hinter zwei Türkenmuttis, welche offenbar falsche Schrauben in der Tüte haben und erzählen unser Erlebnis dann dem Kundenservicemitarbeiter, der daraufhin den Sicherheitsdienst anruft und uns mitteilt, dass es leider keine Videoaufnahmen gibt, da das Filmen von Leuten auf dem Weg zur Toilette ein unbefugtes Eindringen in die Privatsphähre sei und der Betriebsrat das Filmen des Eingangsbereiches ablehnt, weil damit Mitarbeiter überwacht werden können, dass ihm die Angelegenheit leid tut aber er auch nichts machen kann und uns noch ein schönes Wochenende wünscht. Super.

Da Junior mittlerweile wieder vollgeschissen ist steht eine erneute Wicklung auf dem Plan und wir begeben uns Richtung Wickelraum im Erdgeschoss. Da sich die EBH verständlicherweise nicht mehr alleine und zuerst in den Wickelraum traut inspiziere ich diesen gründlich, natürlich ist alles im grünen Bereich und Junior wird gründlich entkackt. Als kurz darauf eine Putzfrau in den Wickelraum kommt und diesen reinigen will spreche ich sie auf unser Erlebnis an. Und siehe da: Die Putzfrau erzählt mir, dass sie vor ca. einer Woche einen Mann im Wickelraum überrascht hat, der sich offenbar gebrauchte Babywindeln aus dem Vollgeschissenewindelneimer in die Jacke geschoben hat und bei ihrem Anblick geflüchtet ist. Die Beschreibung passt haargenau auf den Mann, den auch meine EBH hinter dem Wickeltisch entdeckt hat.

Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich die Sache damit nicht auf sich beruhen lassen kann. Wir begeben uns erneut zur Information (die Putzfrau im Schlepptau), schildern erneut den Sachverhalt und bestehen darauf, mit einer übergeordneten Person zu sprechen. Was dann auch klappt – kurz darauf kommen der Filialleiter und der Restaurantchef herunter. Wir schildern kurz den Sachverhalt, verweisen darauf, dass es sich beim Wickeltischmann offenbar um einen Perversen handelt, der regelmässig in den IKEA Wickelräumen sein Unwesen treibt und dass da dringend etwas unternommen werden muss. Der Filialchef und der Restaurantchef sind sehr nett, verständnisvoll und beunruhigt, bitten um unsere Adresse, damit wir im Fall einer Zugriffs auf den Wickeltischmann Anzeige erstatten können bzw. als Zeugen aussagen können. versichern glaubhaft, sich sofort um eine intensive Bewachung der Wickelräume zu kümmern, die Belegschaft und die Hausdetektive sowie weitere IKEA Filialen im Hamburger Umland zu informieren und alles Machbare zu unternehmen, diesen Typ zu fassen. Wir bekommen tausend Entschuldigungen und zwei Restaurantgutscheine und verlassen irgendwie etwas erleichtert IKEA Moorfleet.

Und überlegen lange und immer wieder, was wir hätten machen sollen, was wir hätten anders machen sollen, warum es Leute gibt, die auf vollgeschissene Babywindeln stehen, wie meine EBH jetzt die Angst wieder loswird, öffentliche Wickelräume zu benutzen, warum man sich bei IKEA in so einem Fall endlos lange durchkämpfen muss, bis jemand auf so etwas reagiert, ob der Typ gefunden wird, was passiert wenn er gefunden wird, wegen was man ihn überhaupt anzeigen kann (ist Verstecken hinterm Wickeltisch strafbar? Das Klauen von gebrauchten Windeln dürfte auch kaum Erregung öffentlichen Ärgernisses sein…), ob ne Therapie bei sowas helfen kann, ob der Typ gefährlich war, was passiert wäre wenn ich nicht pissen gegangen wäre, ob ich den halbtot geschlagen hätte oder mich selber so erschrocken hätte, dass ich viel zu spät reagiert hätte, und ob wir jemals wieder zu IKEA gehen können ohne an Perversionen zu denken. Ich habe keine Ahnung.

Wir waren übrigens nach einigem Hin-und-her-überlegen am nächsten Abend auf der Polizeiwache um die Ecke, um uns zu informieren, was wir machen können, ob beispeilsweise eine Anzeige sinnvoll ist, oder ob mal nachgeforscht werden kann, ob dieser Typ schon woanders in Erscheinung getreten und möglicherweise registriert ist. Vorab: Es war ein kurzer Besuch. Denn der Typ hat nichts Strafbares gemacht und deshalb interessiert das die Polizei alles überhaupt nicht.

O-Ton des befehlshabenden ‚Laubfroschs': „Kann ja sein, dass er da einfach hinter dem Wickeltisch geschlafen hat.“ Solange er also nicht proaktiv jemanden angreift, ist es das Problem von IKEA und nicht der Polizei. Eine Anzeige deswegen können sie gar nicht aufnehmen; an einem Kontaktieren der Sitte oder einer Überprüfung, ob so etwas schonmal vorgekommen ist, bestand ebenfalls kein Interesse.

Zwar kann das IKEA Wachpersonal, falls es den Typ mal schnappt und festhält, natürlich die Polizei rufen, die den Typ dann überprüft. Das ist aber auch alles. Natürlich kann IKEA dann auch ein Hausverbot erteilen. Aber mehr auch nicht, solange sie nicht beweisen können, dass etwas Strafbares gemacht wurde (ob heimliches Onanieren strafbar ist wußte der Schutzmann da leider nicht).

Im Endeffekt dürfen wir wohl froh sein, dass meine EBH keine Anzeige bekommen hat, weil sie ihn geweckt hat. Oder weil sie ihn beim heimlichen Onanieren beobachtet hat. Im Nachhinein kann ich wohl auch froh sein, dass ich just in dem Moment des Erwischens auf der Herrentoilette war. Ansonsten hätte ich wohl eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen.

Soviel zum Thema „der Perverse in der Bundesrepublik in freier Wildbahn“.

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