Hightech-Klostühle in Aluminium

Gestern waren wir im Babymarkt. Kinderwagen gucken! Zwar ist es noch ein bisschen früh, aber erst mal informieren kann ja nicht schaden. Und: Endlich mal etwas, von dem ich etwas verstehe. Denn zur Verschlusstechnik bei Kindersachen oder zum Strickmuster bei Kindersocken kann ich nicht viel Hilfreiches beitragen, aber mit Fahrzeugen kennt „Mann“ sich ja aus. Dachte ich jedenfalls.

Schon beim Betreten des Babymarktes überkommt mich das spontane Gefühl, ein archäologisches Relikt aus einer lange vergangenen Zeit zu sein, in der Kinder mit prähistorischen Teilen fortbewegt wurden, die aus 4 Rädern, einer draufgesetzten Wanne mit Plüschzeugs drin und einem Windschutz dran bestanden und bestenfalls so zusammenklappbar waren, dass sie nur noch zwei Drittel des ursprünglichen Volumens einnahmen. In solchen Teilen bin ich Ende der goldenen 60er auch fortbewegt worden und habe meines Wissens keinen bleibenden Schaden davongetragen. Vermutlich reines Glück.
Gott sei Dank befindet sich im Babymarkt kompetentes und motiviertes Personal, das mich etwas fassungslos zwischen zwei High-Tech-Klostühlen im Aluminium-Design herumeiern sieht. Eine mittelalterliche Dame eilt freundlich aber bestimmt auf mich zu und fragt, ob sie helfen kann.

„Hallo, ich suche einen Kinderwagen“ antworte ich mit der unbefleckten Naivität eines Menschen, der bei Kinderwagen an genau das Gerät denkt, was ein 5-jähriges Kind entwirft, wenn es einen Kinderwagen malen soll.
„Für welchen Einsatzzweck denn?“ werde ich gefragt.
„Zur Fortbewegung eines Kindes“ lautet meine Antwort auf diese vollkommen überflüssige Frage. Ich bemerke, wie Blick und Ton der freundlichen Dame eine Nuance dunkler werden.
„Was für ein Kind ist es denn?“ möchte die Dame wissen
„Na, meins“ antworte ich ahnungslos. Ich verstehe anscheinend nur Bahnhof.
„Ich meine, welches Alter?“ kommt immer noch freundlich bemüht die prompte Gegenfrage
„Das kann ich ihnen erst nach der Geburt verraten“ antworte ich wahrheitsgemäß und ernte einen ersten, kurz aufblitzenden Giftblick.
„Also scheidet ein Buggy wohl aus“ höre ich die freundliche Dame sagen
„In der Tat. Wenn ich ein motorisiertes Strandgefährt suchen würde, wäre ich jetzt wohl kaum im Babymarkt“ entgegne ich lapidar
„Kombikarre, Sportwagen oder Jogger?“ kommt die nächste Frage wie aus der Pistole geschossen.

Bevor ich entgegnen kann „Weder noch – ich habe bereits ein Auto und zum Joggen brauche ich noch keinen Zivi“ drängt sich meine von ihrem Kurzrundgang durch den Laden zurückgekehrte und geliebte Erstbeste Hälfte zwischen mich und die freundliche Verkäuferin und flüstert ihr zu „er ist Baujahr 68″. Ich nehme hilfsbereit die Mütze ab, die mein lichtes Haupthaar verbirgt und versuche, möglichst lieb, harmlos und verwirrt zu wirken. Es funktioniert! Die Dame lächelt mich wieder freundlich an und meine Erstbeste Hälfte erklärt mir schnell, was mit Kombiwagen, Sportwagen, Sportkarre mit Softtasche, Jogger mit Verschlussdeckel gemeint ist. Ich beginne zu verstehen und nach kurzem Überlegen entscheiden wir uns für einen Kombi oder eine Sportkarre (für alle Männer: Das ist eine Kombination aus „drinliegen-und-Mama-und-Papa-angucken, „drin-sitzen-und- Mama-und-Papa-angucken“ und auch „drin-sitzen-und-nach-vorne-gucken“ und hat nichts mit Volvo und Laderaumabdeckung zu tun!!!)“

Das erste Exemplar, das uns vorgeführt wird, scheint eine Mischung aus ausgebürstetem Aluminium-Rollstuhl mit 4 gleichgroßen Rädern und Lidl-Einkaufswagen zu sein. Der Vorteil dieses Modells besteht offenbar darin, dass man sich beim Schieben mit dem Kind auf gleicher Augenhöhe befindet. Der kleine Nachteil sind etwaige Todesstürze beim Versuch des Kindes, sich ohne fremde Hilfe auf dieser rollenden Hochebene zu befreien. Was aber durch die Möglichkeit, das gesamte Teil auf 20x20cm zusammenzuklappen wieder wettgemacht wird. Passend dazu zeigt das Dessin außen ein glänzendes Silber, das Außenstehende darauf schließen lässt, dass hier offenbar Mork vom Ork Junior oder der legitime Nachfolger von R2D2 aus Krieg der Sterne transportiert wird. Die Innenfarben sind dafür abwechslungsreicher gestaltet: Sie sind das gelungene Ergebnis eines Designers, alle 16,8 Millionen Windows-Farbtöne in True-Color mit sämtlichen Mustern der Kulturen dieser Welt aus den letzten 50.000 Jahren vereinigt hat.

Ich flüstere meiner Erstbesten Hälfte zu, dass die Höhe dieses Gerätes es den Kindern wenigstens leicht macht, diese Welt, in der sie stundenlang mit solchen Mustern und Farben gequält werden, durch einen Todessturz wieder zu verlassen. Die freundliche Verkäufern, die diesen Kommentar mitgehört hat, schaut mich böse an.

„Ich hätte gern ein tiefergelegtes Modell, dessen Innenraum nicht von einem Psychopathen unter LSD-Einfluss gestaltet wurde“ bemerke ich so freundlich ich kann. „Wenn sie so etwas führen…“

Das nächste Exemplar sieht nicht ganz so gefährlich aus. Zwar ist auf den ersten Blick nicht ganz klar, ob es sich hierbei um ein Fortbewegungsmittel für lebendige Kinder oder eine Art Beerdigungsgefährt für verstorbene Zwergpudel handelt, aber das blauschwarze Dessin ist sicherlich austauschbar.

„Wo ist denn das vierte Rad hin?“ frage ich ahnungslos. „Muss man das extra bestellen?“

Einige umstehende Mütter, die – wie mir jetzt erst bewusst wird – ebenfalls Kinder in Dreirädern durch den Babymarkt bugsieren schauen böse zu mir herüber. Ich beschließe, mal dreie vier sein zu lassen und widme mich intensiv dem Klappmechanismus, mithilfe dessen man diesen Kinderwagen laut Werbeprospekt in einer Aktentasche transportieren kann und betrachte höchst interessiert Stangen, Nippel, Gelenke und Verbindungen.

„Das ist ein patentiertes Klappsystem mit schwenkbarem Bügel“ informiert mich die Verkäuferin. „Dank beiliegender Gebrauchsanweisung verstehen Sie das alles ganz schnell!“

Ich werfe einen Blick in die Gebrauchsanweisung und lese „ziehen sie den deckel an der roten ecke ab – heben weg der oberen teile durch rote farbe an punkt ecke“.

Das reicht! Ich bedanke mich freundlich für die Hilfe, ziehe meine geliebte Erstbeste Hälfte zum Ausgang und beschließe, diese beeindruckenden Impressionen jetzt erst einmal auf mich wirken zu lassen, ein paar erfahrene Eltern um Rat zu fragen und vielleicht doch das Angebot der Schwiegereltern anzunehmen, uns zur Geburt einen Kinderwagen zu schenken. Dann brauche ich mich mit diesem Kinderkram gar nicht erst beschäftigen und kann mich den wichtigeren Männersachen zuwenden. Schließlich brauchen wir auch noch einen Kindersitz fürs Auto. Vielleicht geh ich morgen mal wieder zum Babymarkt…

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