Galoppelschlooooooorz

Tja – jetzt haben wir es uns wohl mit dem Frauenarzt verscherzt. Und mit seiner Sprechstundenhilfe – einem ganz besonders frustrierten, C&A gestylten und dauergewellten Rotbäckchens, dessen einzig freudiges Erlebnis Tag für Tag vermutlich der befriedigende Stuhlgang ist. Aber eins nach dem anderen:

Die vorletzte Vorsorgeuntersuchung haben wir nicht beim Frauenarzt sondern bei einer Hebamme gemacht. Und das war wirklich ein ganz neues Lustgefühl. Nicht, dass wir mit unserem Frauenarzt bislang unzufrieden gewesen sind. Aber bei einer Hebamme ist alles ganz anders – und einfach besser. Die Atmosphäre ist viel schöner als beim Arzt, man hat viel mehr Zeit, in der man 1000 Fragen beantwortet bekommt und einfach viel mehr das Gefühl, dass im Bauch etwas Schönes passiert als beim Frauenarzt, bei dem das Wort „Krankheit“ halt immer wie ein Damoklesschwert in der Praxis hängt.

Trotz dieser tollen Erfahrungen waren wir nach dem ersten Hebammentermin noch einmal beim Arzt: Wegen einer Anti-Antikörper-Spritze, die immer dann gegeben wird, wenn die Erzeuger des Kindes einen unterschiedlichen Blutgruppen-Rhesusfaktor haben. Und weil der Termin beim Arzt halt schon vorher feststand.
Also treffen wir pünktlich am Mittwochmorgen in der Praxis ein und ich laufe beim Versuch das Wartezimmer zu betreten, während die geliebte Erstbeste Hälfte mit der obligatorischen Urinprobe beschäftigt ist, vor eine imaginäre Wand aus Rauch, die meine Polypen Amok laufen lässt.

Im Wartezimmer sitzt ein älterer Herr mit schicken weißen Tennissocken zur Aldi Jeans und quer über die Glatze positionierten Haarsträhnen mit einer Art „Tochter“, die aussieht wie ein Junkie nach 2 Tagen Entzug. Das komplette Wartezimmer duftet dermaßen penetrant nach Zigarettenrauch, dass ich spontan ein Sit-in auf dem Flur vorm Wartezimmer inszeniere, was das dauergewellte Rotbäckchen hinter dem Empfangstresen grantig werden lässt. Immerhin dürfen wir dank dieser Protestaktion schnell ins Behandlungszimmer.

Blutabnahme rechts, Blutabnahme links, Blutdruck messen, Gewicht ermitteln (übrigens die einzige Situation in der westlichen Hemisphäre, in der sich eine Frau über die Gewichtszunahme freut) und Antikörperspritze gibt es gleich mit dabei in einem Rutsch. Danach sollen wir zum CTG. „CTG?“ fragen ich und die Erstbeste Hälfte entgeistert. „Wehenschreiber!“ werden wir aufgeklärt. Ahja. Noch nie gehört. Aber sicherlich praktisch, so ein Ding. Vor allem in der 30. Woche. Zwar gibt’s noch keine Wehen, aber das Teil wird schon welche finden.

Die liebe Erstbeste Hälfte wird auf eine Trage gebahrt und bekommt zwei Kopfhörerenden auf den Bauch geschnallt. Und diese Kopfhörerenden horchen jetzt den Bauchinhalt ab. Eigentlich ganz interessant, mal so einen Herzschlag zu hören. Klingt ungefähr so wie das Galoppel aus Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“. Sehr faszinierend. Relativ störend ist nur diese nervige Schlorzen, das die Nabelschnur produziert. Und das sich ungefähr wie eine Mischung aus Fettabsaugung und Strohalmsaugen im fast leer gesaugten McDonalds Milchshakebecher anhört.

Also liegt man da, horcht gebannt auf „SCHLCHCHCHRTZgaloppelgaloppel… SCHLCHCHCHCHCHRTZgaloppelgaloppel“ und glotzt dabei auf eine Anzeige der Beats per Minute, die sich irgendwo zwischen Front242 und Prodigy einpendeln. Das wäre überhaupt mal eine Idee, da mal einen Song draus zu machen – komisch, dass Depeche Mode noch nicht auf diese Idee gekommen sind. Und während der ganzen Aktion zeichnet eine Art Seismograph die Wehen auf, obwohl es noch gar keine Wehen gibt, aber das ist egal. Solange da was galoppelt und schlorzt, kann etwas aufgezeichnet werden, und darum geht’s ja schließlich.

Warum musste ich die ganze Zeit an „Den Sinn des Lebens“ von den Pythons denken? Die Maschine mit dem *PIEEEP* im „Wunder der Geburt“ – das gibt es wirklich! Nur macht das Ding halt nicht *PIEEEP* sondern – wie schon beschrieben – „galoppelgaloppelSCHLOOORZgaloppelgaloppel“. Aber mit dem Sound hätte der Film vermutlich keine Jugendfreigabe erhalten.

Also liegt die Erstbeste Hälfte rücklings und unbequem auf der Liege, wir beide lauschen angespannt der Geräuschkulisse und starren gebannt auf die BpM-Anzeige. Die teils sehr schwankt, teils aussetzt und damit vor allem eins macht: Nervösität erzeugen. Natürlich ist alles in bester Ordnung, aber wer schon mal 10 Minuten einem übertragungsbedingt schwankenden Herzschlag zuhört und dabei zugesehen hat, wie das „Galoppel“ von 157 auf 119 runtergeht, der denkt sofort an Emergency Room und das berühmte „*pieep* *pieeeep* *pieeeeep* *pieeeeeeeeee…*. Aber das spielt keine Rolle – das Teil steht halt in der Praxis und soll benutzt werden, die Krankenkasse bezahlt es auch und ist froh, wenn hinterher ein Auszug der seismographischen Bauchbewegungen vorliegt, der eigentlich gar nix aussagt. Außer, dass alles ok ist. Aber das wussten wir auch vorher. Oder dass irgendwas nicht ok ist, was man zu diesem Zeitpunkt vermutlich auch nicht mehr ändern kann.

Nächste Station: Ultraschall, oder: Babyfernsehn. Juchuu!!! Es gibt doch nichts Schöneres, als auf den Bildschirm zu glotzen und Missbildungen zu suchen, nicht wahr? Leider gibt’s beim Frauenarzt kein Popcorn. Das nächste Mal werde ich sicher dran denken.

Interessant sind auch die Dialoge beim Babyfernsehen:
Ich: „Das sieht aus wie mein Pudding von gestern Abend“
Meine Erstbeste Hälfte schaut böse.
Ich: „Könnte auch ein abstraktes Gemälde sein… so als wenn Dali im Vollsuff versucht hat, ein Magengeschwür zu zeichnen“
Meine Erstbeste Hälfte schaut noch böser.

Aber man bekommt irgendwann Übung, doch was zu erkennen. Und dann gibt’s z.B. solche Dialoge für Ultraschall-Fortgeschrittene:

„Sind das nicht 6 Zehen, Schatz?“
„Nein, das sieht nur so aus. Aber die Nase sieht so merkwürdig aus..“
„Nase? Du meinst den Penis da?“

Klasse Sache! Und absolut notwendig! Es könnten ja wirklich Missbildungen erscheinen! Und dann ist es gut, wenn man es weiß, weil man sich dann volle 10 Wochen intensiv mit der Frage beschäftigen kann, ob das Kind eher wie der Glöckner von Notre Dame oder der Elefantenmensch aussehen wird. Was die Schwangerschaft so richtig spannend macht.

Aber es ist alles in Ordnung. Und selbst wenn etwas nicht in Ordnung wäre würde es der Arzt vermutlich nichts sagen, um keine Unruhe zu erzeugen. Unruhig genug ist man nach der Galoppelschlorz-Geschichte mit den schwankenden BpM’s ja eh schon. Und beschließt, künftig wohl doch lieber nur noch zur Hebamme zu gehen. Lieder hat man diese Rechnung ohne die Blockwärtin an der Frauenarzt-Rezeption gemacht.

SSH: (Sprechstundenhilfe): „Sie brauchen dann einen neuen Termin.“
EBH: (Erstbeste Hälfte): „Den machen wir telefonisch, wir haben den nächsten Termin erstmal bei der Hebamme“.

TOTENSTILLE

Die Sprechstundenhilfe schaut uns mit einem Blick an, als hätte man als 80-jähriges Gemeindemitglied einer oberbayrischen Dorfgemeinde dem Dorfpfarrer mitgeteilt, dass man ab sofort einer Hare Krishna Gruppe beitreten wird. Oder als hätte man als Erstbeste Hälfte eines katholischen CSU Stadtrates in Oberbayern ebendiesem beim Mittagstisch erwähnt, dass man den GRÜNEN beigetreten ist, weil’s da immer so leckeres Gras gibt. Oder wie auch immer… jedenfalls scheint dieses Wort „Hebamme“ in der Frauenarztpraxis ein Sakrileg zu sein.

SSH: „Ja das geht nicht, die Hebamme kann gar kein Blut untersuchen und ist das denn mit dem Herrn Doktor abgesprochen?“
EBH: „Ja, der weiß Bescheid dass wir auch zur Hebamme gehen“
SSH: „Wir können da aber KEINE Garantie mehr geben, wirklich GAR keine“

Ich kann es mir grade noch verkneifen zu fragen, wie lange denn Garantie auf das Kind gegeben wird, ob der Umtausch sehr problematisch ist und warum die Eltern der Sprechstundenhilfe denn diese Umtauschmöglichkeit damals nicht wahrgenommen haben…

EBH (genervt): „wir machen das telefonisch, mit dem Termin“
SSH: „Ja das geht aber nicht, wir können da auch keinen Termin mehr garantieren, weil Vorsorge machen wir nicht jeden Tag und telefonisch kann ich das nicht machen“.

Ich werde in Anbetracht meiner verunsicherten und hilflosen EBH langsam sauer und will mich gerade einmischen, als der Doktor persönlich aus seinem Behandlungszimmer kommt.

SSH: „Herr Doktor kommens doch mal… Frau Soundso möchte in Zukunft lieber zur Hebamme, was sagen sie denn dazu?“

Der Frauenarzt guckt kritisch, ist relativ perplex und gibt mit seinem Blick ebenfalls zu verstehen, dass man in diesem Fall definitiv damit rechnen muss, ne Mischung aus Glöckner von Notre Dame, Grinch und Sprechstundenhilfe auf die Welt zu bringen und dass er in diesem Fall keine Regressansprüche erfüllen kann.

„EBH“ (konsterniert): Ja gut dann machen wir einen Termin am 8. Januar“
„SSH“ (mit Siegesgrinsen): Ja gut, das geht
Ich (mit freundlichem Lächeln): „Den kann man dann ja auch telefonisch absagen, falls man auf den Garantieanspruch scheißt und das Balg eh vor der nächsten Kirchentür ablegen wird, wenn es Ihnen ähnlich sieht?“

Nein.. nicht wirklich… aber es lag mir auf der Zunge. Jedenfalls sind wir dann mit neuem Termin raus aus dem Laden und der Tag war restlos gelaufen. Und ich stelle mal wieder fest, dass Deutschland offenbar ein medizinisches Entwicklungsland ist,

– wenn nicht mal die Sprechstundenhilfe beim Frauenarzt weiß, dass bei einer Geburt weder Frauenarzt noch Kinderarzt anwesend sein müssen, sehr wohl aber eine Hebamme und dass Hebammen alle Vorsorgeuntersuchungen machen können. Und auch die Nachsorge.
– wenn Patienten weder über das Anstehen noch den Sinn bestimmter Untersuchungen unterrichtet werden
– wenn diese Untersuchungen darüber hinaus vollkommen amateurhaft durchgeführt werden – ein CTG sollte bei einer hochschwangeren Frau nach Möglichkeit NICHT in Rückenlage durchgeführt werden. In diesem Fall besteht nämlich die Gefahr einer Unterversorgung des Ungeborenen dadurch, dass die Blutversorgung beeinträchtigt wird
– wenn es mit Ausnahme von Deutschland in fast allen europäischen Ländern vollkommen normal ist, in denen ein Großteil der Kinder mit Hebammenbegleitung zuhause zur Welt kommt.

Denn so eine Geburt ist auch bei allen möglichen Komplikationen doch eine recht natürliche Sache. Und keinesfalls eine gefährliche Krankheit, an die man nur Ärzte ranlassen darf. Die darüber hinaus ziemlich grantig werden, wenn man keine Lust mehr auf diese umfangreiche Pränataldiagnostik hat, deren Hauptaufgabe es ist, Nervosität zu erzeugen.

Nein, wir sind sicherlich nicht leichtsinnig. Wir sind bestens informiert, meine Erstbeste Hälfte raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und wir tun wirklich alles, um dem Ungeborenen einen optimalen Start ins Leben zu ermöglichen. Nur: Babyfernsehen bringt ab einem bestimmten Zeitpunkt gar nichts mehr, sofern es nicht aufgrund von Komplikationen notwendig ist. Selbst wenn man dadurch irgendwann Missbildungen erkennt: Was für Konsequenzen sind das? Abtreibung in der 30. Woche? Rückgabe mit Garantierecht?

Das Kind liegt im Bauch und wird so zur Welt kommen, wie es halt ist. Und wenn es 6 Zehen hat, dann hat es halt 6 Zehen. Oder Down Syndrom. Oder keine Ohren. Ein Mensch ist es trotzdem. Den man kaum im Bauch operieren kann, wenn man etwas Auffälliges feststellt. Man kann nur genau das: Auffälligkeiten, Abnormalitäten feststellen. Und nervös machen. Aber ohne uns.

Denn es ist alles absolut bestens. Es gibt keine Auffälligkeiten, keine Schwierigkeiten, keine Unnormalitäten und keinen Grund zur Sorge. Sorge bereitet nur die Katastrophenmedizin in Deutschland. Aber wen wundert das – in einem Land, in dem 60-70% aller Schwangerschaften als Risikoschwangerschaft eingestuft werden?

Ein Kommentar zu Galoppelschlooooooorz

  • mcdugan

    Natürlich sind 60-70% aller Schwangerschaften Risikoschwangerschaften, denn die werden von Ärzten betreut.

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