Opossumforschung

dank eines längerfristigen Auftrages in Hamburg besteige ich seit vier Woche jeden Morgen pünktlich um 7:56 den Vorortzug, der mich zuverlässig in die Stadt und in den Tag befördert. Fast immer genieße ich es dabei, eine gute Dreiviertelstunde lang von meinem Fensterplatz aus in angenehmem Halbschlummer die erwachende niedersächsische Winterlandschaft an mir vorbeiziehen zu lassen, während der Zug sich an jeder Haltestelle weiter mit lärmendem Leben füllt, bis sich dieses ins hektische Morgengetümmel des Hamburger Hauptbahnhofes ergießt.

Fast immer. Heute wurde dieser wohltuende Start in den Tag aufs Empfindlichste gestört. Nachdem ich von meiner geliebten EBH zum Bahnhof gefahren wurde, vorsichtig über den vereisten Bahnsteig getänzelt bin, den pünktlich einlaufenden Metronom bestiegen und mir meinen Stammplatz auf der rechten Seite am Fenster gesichert habe, der einen perfekten, rahmenlosen Blick nach draußen garantiert, der unangenehmen Neonbeleuchtung des Zuges strategisch geschickt entgeht und der sich soweit am Ende des Zuges befindet, dass ich im Normalfall erst auf dem letzten Streckenabschnitt mit einem Platznachbarn rechnen muss, wurde ich nach 15 Minuten betulicher Fahrt durch den Morgennebel durch einen beißenden Geruch geweckt, der sich wabernd durch die Luft ausbreitete, den Eingang meiner Nase fand und sich dort wie mit tausend feinen Widerhaken besetzt an meinen Schleimhäuten festsetzte und an diesen zog und zerrte.

Mit Tränen in den Augen sah ich mich um und entdeckte sogleich die Quelle dieses olfaktorischen Übels auf der 4er-Sitzgruppe einen Platz vor mir: Über der Lehne war die Spitze eines toupierten Eisberges zu sehen, der diesen bestialisch-penetranten Geruch zu verbreiten schien. Den Kopf ans Fenster gelehnt konnte ich einen Blick auf die Gegenüberin dieses Eisberges erhaschen, deren Makeup eher als Make-over zu bezeichnen war und das mit denselben grellen Farben kombinierte wie das restliche überkandidelte Outfit. Offenbar handelte es sich bei den Damen um die Inhaberinnen eines Kosmetikshops für die WerkstätigInnen der Reeperbahn – ich meine natürlich die Nachtschicht.

Nun habe ich wirklich nichts auch gegen übermäßige Körperpflege einzuwenden und wer es nötig hat, seine Visage unter einer bunten Gesichtsmaske zu verstecken, der soll das gerne tun. Aber warum ist es notwendig, sich dabei dermaßen einzudieseln, dass dabei im Umkreis von geschätzten 10-20 Metern um seine Person alle Blumen welken müssen? Eigentlich sollte man diese Phase, die jedes Kleinkind in einem unbeobachteten Moment mit Mamas Parfüm oder Papas Aftershave erstmals durchläuft, doch mit Abschluss der Grundschule hinter sich haben – von einem gelegentlichen Flashback zu Anfang der Pubertät mit dem ersten selbst gekauften Supermarktparfüm mal ausgenommen?

In den folgenden 20 Minuten überlegte ich hin und her, kämpfte dabei gegen beißende Geruchsschwaden, die sich bei jeder Bewegung des toupierten Eisbergs von diesem lösten und sich gnadenlos im Raum verbreiteten und gegen die Versuchung, den Platz zu verlassen oder die Quelle des Übels zu bitten, doch bitte stille zu sitzen, um ein Nasenbluten der Platznachbarn präventiv zu verhindern.

Inspiriert von der Kombination der furchtbarsten Kosmetikgerüche, die ein Mensch je erfunden hat (und die gegen Tropic Dreams wirklich harmlos sind) liefen meine kleinen grauen Zellen zu einer amokartigen Hochform auf. Der Entschluss, diesen gemütlich durch die Gegend tuckernden Vorortzug mit einem Eklat aus dem benebelten Halbschlaf zu holen, stand ebenso fest wie die Absicht, dem toupierten Eisberg eine gründliche Lektion zu erteilen.

20 Minuten lang überlegte ich, wie ich eine Ansprache formulieren kann, die nicht direkt beleidigend, sondern elegant formuliert ist, die einen gewissen Humorfaktor beinhaltet und die den toupierten Eisberg dazu bewegen kann, das olfaktorische Gruppenverhalten gründlich zu überdenken. Die Grundidee war dabei, der ganzen Aktion einen wissenschaftlichen Background zu geben.

Ich schaute aus dem Fenster und bemerkte, dass der Zielbahnhof kurz bevor stand. Alles oder Nichts! Ich erhob mich, beugte mich über die Lehne des Sitzes vor mir, tippte den toupierten Eisberg freundlich an die Schulter und fragte freundlich:

„Guten Morgen, dürfte ich Sie mal kurz stören? Ich bin Kommunikationswissenschaftler und studiere das Verhalten von Menschen. Ich bin der Meinung, dass man auch mit Gerüchen kommunizieren kann. Und ich frage mich einfach, welche Absicht dahinter steckt, wenn Menschen sich derart exzessiv mit Düften einnebeln, dass diese selbst im Umkreis von 10-20 Metern noch deutlich wahrgenommen werden. Dieses Verhalten ist aus der Biologie gut bekannt – beispielsweise als wirksamer Abwehrmechanismus, wie ihn das Opossum einsetzt. Oder denken Sie an den Lockduft des mongolesischen Truthahnweibchens, das mit solchen Gerüchte seine Paarungsbereitschaft signalisieren will. Können Sie mir sagen, welche Motive bei Ihnen dahinter stehen?“

Leider bekam ich ausser einem ungläubigen Glotzen keine verwertbare Antwort. An meinem Inverviewstil muss ich wohl noch ein wenig feilen.

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