Agentur für Irre

Aufgrund der geplanten Wechsels vom Angestelltenverhältnis ins zumindest anfänglich staatlich geförderte Freiberuflertum war ich das erste Mal beim Arbeitsamt. Sorry, ich meine natürlich: Bei der Agentur für Arbeit! Nicht dass ich die Bemühungen unserer Oberen, den Linoleumcharakter deutscher Amtsstuben durch moderne Begriffe aufzuwerten, einfach ignorieren möchte. Aber es ist schon etwas merkwürdig, wenn man vor dem goldenen Schild mit dem Vogel drauf steht, sich überlegt, was das eigentlich assoziieren soll (Es ist nicht alles Gold, was glänzt? Wer hoch fliegt, fällt tief? Pleitegeier DeLuxe?) und dann den Schriftzug „Agentur für Arbeit“ oder auch „Bundesagentur für Arbeit“ gedanklich auf weitere Ämter, Anstalten und Agenturen in spe ausweitet:

„Ey, Atze, ich muss morgen zur Agentur für Soziales, kommse mit?“
„Nee, geht nicht, ich muss zur Agentur für Finanzen und dann noch zur Agentur für Straßenverkehr, den Lappen abgeben.“
„Ahh… wieder gesoffen, wa? Pass ma besser auf, dass nicht bald wieder die Olle vonne Agentur für Jugend vor der Tür steht, weil Junior besoffen Mofa gefahren is“.
„Ey, die kann mich ma. Aber wenn die Katze weiter so scheißt, dann krieg ich Ärger mit der Agentur für Veterinärs. Darauf hab ich gar keinen Bock, weißte…“
„Boah die scheiß Töle… wenn die Dich ma ansteckt dann wirste inne Agentur für Gesundheit interniert, pass ma besser gut auf!“
“Datt heißt isoliert, nich interniert“
„Ja watt weisst Du denn schon… wenne weiter so klugscheisst, landeste nochma inne Agentur für Irre, ey!“

Wie dem auch sei: Da meine festangestellte Tätigkeit in den nächsten Wochen Vergangenheit wird und ich ins Freiberuflertum wechsele, muss ich das Arbeitsamt – sorry: Die Agentur für Arbeit – darüber informieren, dass ich „von Agenturlosigkeit“ – ich meine natürlich: „von Arbeitslosigkeit bedroht bin“. Obwohl eigentlich beides zutrifft. Egal. Erst einmal tief Luft geholt und herein ins moderne Bürokratievergnügen.

Sofort fällt mir die wirklich intuitive Benutzerführung ins Auge. Riesengroße bunte Pfeile führen in alle drei bürokratischen Himmelsrichtungen (die vierte Himmelsrichtung – der Ausgang – ist konzeptionell generell nicht vorgesehen) und ein großes weißes Schild schickt alle Informationssuchenden Frischlinge und Hartz-Vierlinge in einen großen Raum mit drei Schaltern, von denen nur der Mittige besetzt ist. Über diesem hängt ein grellbuntes Schild mit der Aufschrift „Information hier“. Eine außerordentlich wertvolle Information, sonst hätte ich erst einmal zwei Stunden vor den beiden leeren Schaltern gewartet.

Am Infoschalter sitzt das Prachtexemplar eines Pförtners schlechthin. Der Acme-Pförtner sozusagen. Genau der Pförtner, den Kinder mit Wachsmalstifen malen, wenn man ihnen sagt: Mal mir mal nen Pförtner im Arbeitsamt – sorry: Bei der Agentur für Arbeit.
Ich werde das Gefühl nie los, dass diese Schaltermenschen alle aus einer Familie zu kommen – oder aus einem Reagenzglas. „Ich bin so froh, dass ich ein Pförtner bin“ – Brave New World lässt grüßen. Alter, Hornbrille, Klamotten, Gesichtsausdruck, Frisur, Gestik und Mimik: Es ist in jedem Amt – Verzeihung, in jeder Agentur – genau dasselbe Bild. Selbst die Stimmen sind identisch. Lediglich die Stimmung schwankt. Mal testen, wie es mit der Gemütslage des vor mir sitzenden Pomadenträgers mit AOK-Kassengestell bestellt ist.

Ich schaue mich ängstlich um und flüstere leise und im besten Sesamstraßenstil:
„Hey… Sie… ja, Sie… ich werde von Arbeitslosigkeit bedroht!“
Der Pförtner, oder moderner: der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
Ich glotze ängstlich zurück.
Der Informationsangestellte der Agentur fängt sich wieder und fragt, ob ich zum ersten Mal hier bin. Ich bejahe eifrig und werde nach meinem Beruf gefragt.
„Concept Manager für Integrated-below-the-line-and-one-to-one-marketing mit Spezialisierung auf eLearning und eduCommerce und in diesem Bereich schwerpunktmässig beratend tätig als Customer-Consultant für electronic Customer Relationship Management speziell für Web-and-Computer-based-Trainings.“
Der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
Ich schaue mich wieder ängstlich um und bringe den Informationsangestellten der Agentur für Arbeit mit einem Hüsteln wieder in die Agenturstubenrealität.
„Sind Sie Akademiker?“
Ich glotze den Informationsangestellten der Agentur für Arbeit desorientiert an und frage zurück „Was ist das?“
Der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
Ich glotze sprachlos zurück.
Der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit fängt sich erneut, und fragt:
„Haben Sie einen Universitätsabschluss?“
Ich bejahe.
„Dann gehen Sie einfach immer dem roten Pfeil hinterher“
Ich schaue das Sammelsurium bunter Pfeile an der Wand an. Neugierig, wie ich bin, versuche ich das System zu verstehen und frage den Informationsangestellten der Agentur für Arbeit, wofür die anderen Pfeile sind.
„Also der Blaue ist zum Beispiel für Schwerbehinderte“
„Ah, sehr schön. Ich bin schwerbehinderter Akademiker. Was mache ich denn jetzt?“
Der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
„Wobei – Blau und Rot ergibt zusammen lila, aber ich sehe keinen lilanen Pfeil! Habt Ihr noch keine Frauenquote?
Der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
„Und – zählt ein Magister eigentlich mehr als mein Schwerbehindertenausweis mit 60 % Oder brauche ich dafür ein Diplom? Und wofür ist der gelbe Pfeil? Für FDP-Mitglieder? Wie bitteschön soll sich denn ein Farbenblinder hier zurecht finden? Und was mache ich jetzt, wenn ich schwerbehinderter, farbenblinder Akademiker mit Diplom und FDP-Mitglied bin?“
Der Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.

Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass man als Schwerbehinderter im Allgemeinen mehr Mitleid bekommt denn als Akademiker, obwohl letzteres oft genug das schwerere Los ist, das größte Mitleid eigentlich den FDP-Mitgliedern zusteht und ich zudem kein Diplom sondern nur einen Magister habe, lasse ich den Informationsangestellten der Agentur für Arbeit glotzen und beschließe, einfach mal dem blauen Pfeil zu folgen.

Stur wie John Belushi in der Anfangssequenz von „Blues Brothers“ folge ich den blauen Pfeilen… eine blaue Treppe hoch… um eine blaue Ecke… um eine weitere blaue Ecke.. an einer blauen Pflanze vorbei… und stoße irgendwann – den Blick konsequenter Weise auf die Pfeile gerichtet – an eine Theke in blau in einem Vorraum mit blauen Wänden und blauen Steckdosen, hinter der eine Agenturangestellte mit ROTER Bluse sitzt. Unerhört!

„Guten Tag, Sie sind hier falsch!“
Die Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
„Das hier ist der blaue Bereich für Schwerbehinderte. Sie müssen zu den Akademikern.“
Die Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an.
„Oder gehören Sie etwa zu der Sorte, die sich auch im Zug ins Schwerbehindertenabteil setzen und Rollstuhlfahrerparkplätze blockieren?“
Die Informationsangestellte der Agentur für Arbeit glotzt mich sprachlos an. Offenbar ist bei diesem Modell noch kein Sprachmodul integriert.

Ich entdecke einen zweiten Schalter, hinter dem eine weitere Informationsangestellte der Agentur für Arbeit sitzt, die immerhin eine blaue Jeans an hat. Zwar im Wischiwaschi-Retro-Style der guten alten 80er, aber egal. Blau ist blau.

„Guten Tag, ich werde von Arbeitslosigkeit verfolgt“
„Dann füllen Sie doch bitte dieses Formular aus“

Ich erhalte ein Formular, in das ich alle möglichen Angaben einfügen soll und das natürlich wie fast immer viel zu wenig Platz für die gewünschten Angaben enthält. Was einen geübten Agenturformularausfüller aber nicht in Verlegenheit bringt, da am Rand des Formulars noch genug Platz ist, um alle Angaben vollständig zu machen. Zudem lässt sich auf diese Art und Weise auch das Erscheinungsbild eines öden Formulars in eine kreative Oase inmitten DIN-genormter Angaben umwandeln, gegen die eine von einer 4-köpfigen Schimpansenfamilie vollgemalte Familienpostkarte einfallslos und langweilig ist.

Mein kreativ befülltes Formular wird mit kritischem Blick zur Kenntnis genommen und registriert. Ich erhalte ein paar Formulare im besten Agenturdeutsch und eine „Besucherkarte“, die mir 10 weitere kostenlose Besuche in der Agentur für Arbeit ermöglicht. Da wiehert der Agenturschimmel! Meine Frage nach einer Durchsichthülle mit Clip zum Anstecken wird leider ebenso wenig beantwortet wie meine Frage, ob ich beim 10. Besuch einen Bonus bekomme. Humorloses Volk!

Da ich nicht einfach und gewöhnlich Arbeitslosengeld einsacken will, sondern eine staatlich unterstützte Selbstständigkeit anstrebe, lasse ich mir gleich noch einen Termin mit einem „Arbeitsvermittler“ machen. Die Zeit bis zu diesem Termin vertreibe ich mir am Computerterminal, wo man sich herrlich in der völlig unintuitiven Navigation der furchtbar teuren und überhaupt allgemein furchtbaren Website der Agentur für Arbeit verlieren kann.
Nach 20 Minuten mühsamen Hin-und Her-Surfens gedeiht die Erkenntnis, dass das Ausfüllen eines Hartz IV-Formulars mit 3.0 Promille nervenschonender ist als die Beschäftigung mit dieser Website. Also versuche ich, auf eine angenehmere virtuelle Seite zu gelangen, was nicht ganz einfach ist, da der Browser auf den Infoterminals eine direkt URL-Eingabe unmöglich macht und auch die Tastatur ein nur eingeschränktes Tastenportfolio aufweist.

Mit viel Phantasie und Müh und Not gelingt es mir letztendlich, von den Seiten der Agentur zur Arbeit hin zu einem verlockenden Angebot spärlich bekleideter und attraktiver Nymphomaninnen zu wechseln, welche die triste Atmosphäre der blauen Umgebung schnell in Vergessenheit geraten lassen. Da sich auch eine Mutter mit Kindern im Raum befindet, die verstohlene Blicke auf den Screen werfen, wechsele ich verantwortungsbewusst zur Website eines Anbieters für dekadente Luxusartikel wie Traumwagen, Yachten, Edelnutten, Unternehmensberater und ähnliche Genussartikel, die in der leicht depressiven, hartzgeschwängerten Frustatmosphäre des Arbeitsamtes – sorry, der Agentur für Arbeit – ebenso fehl am Platz sind wie nackte Table-Dancerinnen auf dem heiligen Stein des Wallfahrtsplatzes in Mekka.

Während ich in Gedanken noch überlege, ob ich mir vom nächsten Lottogewinn ein Haus auf Fuerteventura, einen Maybach oder den BVB leiste, reißt mich kurz darauf die Stimme meines „Arbeitsvermittlers“ aus den schönsten Träumen und bittet mich in sein Büro.

Auch der Arbeitsvermittler ist ein echtes Original, an dem Gothic-Freaks und Anti-Depressiva-Produzenten ihre helle Freude hätten. Desinteressierter und gelangweilter kann man einen Job einfach nicht machen, seit es die Bedienung in ostzonalen Restaurants nicht mehr gibt. Nicht einmal die Kunst der Face-to-Face-Kommunikation, die ja zumindest ab und an Blickkontakt voraussetzt, beherrscht dieses lebendige und offensichtlich frustrierte menschliche Büromöbel. Die Informationen, die ich dort bekomme, sind nicht halb so umfangreich und zuverlässig wie die letzten 10 von insgesamt 1.000 Suchergebnisse von Google und ich befürchte, dass eine Selbstständigkeit in Deutschland beispielsweise an einer leeren Kugelschreibermine scheitern kann, weil der Arbeitsvermittler zum Unterzeichnen des Antrages in diesem Fall einen neuen Kugelschreiber besorgen müsste, was es notwendig machen würde, sich von dem offensichtlich mit ihm festverwachsenen Schreibtischstuhl zu trennen und seinen Muskelapparat in Bewegung zu setzen.

Aber ich will ja niemanden überfordern. Das nächste Mal nehme ich wohl doch lieber den roten Pfeil…

Ein Kommentar zu Agentur für Irre

  • Tina

    hi, Chris,
    sehr amüsant und hat mich doch noch erheitert an diesem langen Computerabend…
    danke für den Tipp
    War schön mit Euch !!!
    Tschüss bis bald

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