Körperteilpunkte

Eigentlich meide ich nach Möglichkeit Veranstaltungen, wo viele Menschen auf einem Haufen zusammen kommen. Denn dort trifft man zwangsläufig auf unterschiedlichste Typen der Gattung „Rudelmensch“, die allesamt eins gemeinsam haben: Einen Nervfaktor, der jeden halbwegs zivilisierten Menschen zwangsläufig zu einem sozialasketischen Wüsteneinsiedler mutieren lässt:

Beplastiktütete Tennissocken-in-Adventure-Sandalen-Träger mit Hemden, die das Tragen von Rettungswesten überflüssig machen, überparfürmierte NuttendieselträgerInnen ersten Ranges mit olfaktorischem Ordensband zweiter Klasse, dauersabbelnde Butterfahrtlinge in Anti-Streß-Schuhen mit hyperaktiven Rauhaardackeln, multikulturelle Spätpubertäre, die sich nur in der Lautstärke des Techno-Gedönses unterhalten können, das aus ihren tiefer gelegten 3er BMWs knallt und natürlich auch die gemeingefährlichen Ich-bin-behindert-deshalb-darf-ich-alles-Rollstuhlfahrer, die nicht nur mit den Mein-Kinderwagen-hat-immer-Vorfahrt-Ökomamas sondern auch mit den Mein-Krankenkassen-Fahrgestell-ist-meine-Nahkampfwaffe-Pflegefällen-in-spe in direkter Linie verwandt sind.

Solchen und ähnlichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sollte man konsequent aus dem Weg gehen, wenn immer es möglich ist. Es sei denn, man zählt selbst zu diesen Spezies und ist damit schmerzfrei für Penetrationen gesellschaftlicher Art. Und dieser Gedanke brachte mich auf eine Idee: Warum nicht einmal so tun als ob? Warum nicht einfach mal experimentieren, wie das Leben aus der Sicht eines Sozialgeschädigten ausschaut und sozusagen den Wallraff im Rudel inszenieren? Mit diesem Gedanken bin zur Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt gefahren und habe mich mal so richtig ausgetobt.

Gute Planung ist alles: Schon am Sonntagabend packe ich die benötigten Utensilien für mein Experiment in die Luis Vuitton Aktentasche, die mir ein redseliger schwarzafrikanischer Verkäufer im letzten Strandurlaub zu einem Supersonderpreis überlassen hat:
– meine selbstnachgemachte American Express Centurion Visitenkarte (wozu Schlecker Kundenkarten und Laserdrucker doch gut sein können…)
– meine garantiert echte Rolex Oyster (die ich für einen kleinen Aufpreis zur Luis Vuitton Tasche hinzu bekam)
– einen toten Fisch vom Hamburger Fischmarkt
– eine Tube Mayonnaise
– ein Wörterbuch Kisuaheli – Deutsch
– ein gebrauchtes Kondom
– eine gebrauchte Windel (luftdicht verpackt)
– eine sehr teuer anmutende Visitenkarte mit adligem Namen
– ein altes, aber funktionsfähiges Hörgerät vom Flohmarkt
– ein DIN-A-4-Pappschild mit der Aufschrift „Ich grüße meine Oma in Brechen!“
– eine kleine Flasche Nuttendiesel, das ich letztens auf dem Hamburger Fischmarkt für 1,95 Euro erstandne habe
– ein Feuerzeug in Form einer Handgranate
– eine Digicam mit besonders leistungsfähigem Blitz.

Zusammen mit meinen besten Designer-Anzug ist die IAA-Grundausstattung komplett. Ich hoffe, dass die Taschenkontrollen am Eingang nicht zu pedantisch sind und überlege mir vorm Einschlafen, wie ich dem Sicherheitsdienst diese Utensilien erklären kann, ohne in der Notaufnahme der Geschlossenen zu landen. Am überzeugendsten scheint letztendlich ein überraschtes „Oh – da hab ich wohl aus Versehen die Handtasche meiner Frau mitgenommen“ zu sein.

Beim Aufwachen am nächsten Morgen fühle ich eine Vorfreude, die mich an den Heiligabendmorgen meiner Kinderzeit erinnert. Motiviert springe ich aus dem Bett, pfeife unter der Dusche den Triumphmarsch aus AIDA, springe in meinen Anzug, schnappe meine Luis Vuitton-Tasche, begebe mich zum Bahnhof und besteige pünktlich um 6 Uhr im Hamburger Hauptbahnhof den ICE nach Frankfurt.

Eine halbe Stunde später ist es Zeit für den täglichen Morgenschiss. Ich wanke durch den Großraumwagenmittelgang und versuche quasi als Einstimmung auf den weiteren Tagesverlauf, möglichst vielen Reisenden auf die in den Gang hereinragenden Taschen, Zeitungen oder auch Gliedmaßen zu treten. Und freue mich über jeden im Gang sitzenden Sandalenträger.

Kurz danach ist das erste Geschäft des Tages erfolgreich abgeschlossen. Nachdem ich meinen Ausgang mit einer halben Rolle Toilettenpapier gründlich gesäubert und die Hälfte des dabei verwendeten Toilettenpapiers nicht in, sondern neben die Toilette geworfen habe, betätige die ICE Toilettenspülung und sehe interessiert zu, wie das Ergebnis meiner Sitzung samt 20 Metern Toilettenpapier mit orkanartiger Wucht durch ein endoskopisches Abflussrohr gesaugt wird. In einem Zeitungsartikel wurde letztens erklärt, dass diese Toilettenspülung im ICE durch den Luftdruck funktioniert, der sich unterhalb des ICE-Waggons bildet. Nicht erklärt wurde, wohin sich die Plörre eigentlich verteilt. Sicherheitshalber füge den Beruf „ICE-Waggon-von-unten-Putzer“ der Liste derjenigen Berufe hinzu, die ich auch unter Androhung von Foltermethoden wie Hartz IV niemals ergreifen werde.

Gegen halb Acht verspüre ich Hunger und verputze mein mitgebrachtes Knoblauchzwiebelbrötchen. Leider fehlt der Kaffee. Was nun? Doch einmal wieder 5 Euro für einen Pappbecher mit brauner Plörre ausgeben, der zumindest von der Temperatur her die Illusion von Kaffeegenuss erzeugen will? Lieber nicht. Stattdessen sammele ich 10 Minuten lang meinen Speichel, den ich dann mit einem herzhaften „GULP“ auf ex hinunterschlucke. Das ist billiger, gesünder und schmeckt besser. Und hat den positiven Nebeneffekt, dass mein Platznachbar seinen Sitzplatz verlässt und mir damit ausreichend Platz für ein kleines Nickerchen überlässt.

Rechtzeitig vor der Ankunft in Frankfurt wache ich auf. Im Hauptbahnhof ist reger Verkehr – Massen von Menschen hasten in allen Richtungen durch die Riesenhalle und versuchen dabei, nicht miteinander zusammen zu stoßen, ohne ihr Tempo zu verlangsamen und von der Luftlinienlinie zum Zielort abzuweichen. Die Gelegenheit für ein neues Spiel!

Ich begebe mich mitten ins Gewusel und versuche, den Weg zum S-Bahnhof nicht in Luftlinie, sondern dem genauen Gegenteil zurückzulegen: Einer Art alpinen Bahnhofshallenslalom, bei dem es natürlich keine roten und blauen Fähnchenstangen wie im Skisport gibt, sondern stattdessen Passanten in allen erdenklichen Farben, die zudem auch noch in ständiger Bewegung sind, beim Touchieren lustige Laute von sich geben und etwas länger als die blauen und roten Fähnchen auf der Skipiste brauchen, um sich wieder aufzurichten.

Im S-Bahnhof angekommen sinniere ich 10 Minuten lang vor einem großen, roten Kasten mit vielen lustigen Knöpfen und kryptischen Zeichen darüber, ob das Lösen einer Karte für den öffentlichen Personennahverkehr einfacher wird, wenn mal ein paar malinesische Verkehrsexperten nach Deutschland eingeflogen werden, um mit ihrem Know-how eine benutzerfreundliche Bedienung und Preisstruktur für den öffentlichen Nahverkehr zu konzipieren. Selbst eine Horde Schimpansen würde vermutlich etwas Intuitiveres hinbekommen als den Status quo.

Der S-Bahn-Bahnsteig ist voll mit Messebesuchern und sonstigen Humanlemmingen. Was bedeutet, dass die Organisation eines Sitzplatzes schwierig wird. Aber nicht unmöglich: Ich beobachte, wo genau die Türen der einfahrenden S-Bahnen am Bahnsteig zum Halten kommen. Nach nur zwei S-Bahnen habe ich den Dreh raus und stehe schließlich genau an der richtigen Stelle am Gleis: Die Tür öffnet sich unmittelbar vor meiner Nase. Da ich es nicht schaffe, mir einen Weg durch die nach draußen drängenden Menschen zu bahnen, nehme ich Vernunft an, bleibe direkt vor der Tür stehen und warte geduldig, bis sich die Ex-Besatzung meines Waggons an mir vorbeigezwängt hat, um dann für mich und meine Luis Vuitton-Tasche zwei optimale Sitzplätze zu ergattern.

Die Bahn fährt los. Ich überlege, ob im Mittelgang der gehbehinderte Epileptiker, die Hochschwangere mit dem kleinen Kind an der Hand oder das greise Ehepaar beim Beschleunigen und Bremsen der S-Bahn zuerst umfällt und bin froh, dass meine Tasche umfallsicher neben mir auf dem freien Platz liegt.

Leider fällt niemand um. Mir wird langweilig. Ich stehe auf, begebe ich mich in den nächsten vollen Waggon, halte dort nach der nächsten Station meinen Büchereiausweis in die Luft und brülle laut „FAHRKARTENKONTROLLE“. Als geübter Schwarzfahrer entdecke ich natürlich sofort die nervösesten Gesichter im Waggon und kassiere 20 Euro in bar vom ärmsten Schwein, das ich entdecken kann. Dafür erstatte ich natürlich ausnahmsweise keine Anzeige. Das Eintrittsgeld für die IAA ist damit im Sack.

10 Uhr: Ankunft Messegelände! Auf geht’s Richtung Messeeingang – natürlich will ich Erster sein. Zwar ist der Tag noch lang und die Schlangen sind noch lange nicht lang, aber hier geht’s ums Prinzip. Vor den Kartenschaltern sortiere ich mich in die längste Schlange ein. Dabei achte ich penibel darauf, einen Abstand von 5 cm zum Hinterkopf meines Vordermanns nicht zu überschreiten und den vorhin gegessenen Knoblauch nicht wieder vollständig auszuhusten.

10 Minuten später stehe ich direkt vorm Kartenschalter, frage die Dame hinter dem Plexiglas freundlich „Oleewa kraggi makusata akram IAA pallaga trabusko?“ und ernte Unverständnis. Ok, neuer Versuch: „Clatu Verata Nictu?“

Ein frisch gewimpertes Augenpaar schaut mich konsterniert an und signalisiert Unverständnis. Ich hole mein Kisuaheli-Wörterbuch aus der Tasche, blättere ein Weilchen darin herum und frage dann mit starkem und phantasievollem Akzent: „Entschuldigen Sie viel bitte, macht es Umstände dich zu geben ein Geschlechtsorgan in besondere Länge?“ Die Verwirrung ist vollkommen. Ich zeige zwinkernd auf eine IAA-Karte, die hinter der Plexiglasschreibe hängt, erwecke die Hirngeister meiner Gegenüberin wieder aus ihrem Schockzustand und schaffe es trotzdem, die Dame beim Rückgeld um 10 Euro zu bescheißen. Mit einem akzentfreien
„Vielen Dank. Ich wünsche Ihnen noch einen wundervollen Tag!“ verabschiede ich mich und begebe mich zum Eingang.

Drehkreuz, Kartenkontrolle, Sicherheitskontrolle: Alles geht glatt; meine Tasche wird nur oberflächlich kontrolliert. Die Kaugummis werden mit einem warnenden Hinweis „aber nicht unter die Autositze kleben!“ bedacht, die Handgranate fällt nicht weiter auf. Und bin drin. Das war ja einfach!

Unauffällig schwimme ich mit dem Strom der sich durch die Gänge wogenden Massen, freue mich auf das kommende Vergnügen und beschließe, erst einmal eine Toilette aufzusuchen. Da es noch relativ früh am Vormittag ist, sind die Toiletten auch noch relativ sauber. Noch! Ich lasse die Pissoirs links liegen und betrete eine Sitztoilette, in die ich – natürlich im Stehen – ausgiebig uriniere – natürlich ohne die Klobrille hochzuklappen. Ich verteile noch etwas Klopapier im Raum und verlasse die Toilette möglichst rasch ohne die Spülung zu betätigen und natürlich auch ohne mir vorher die Hände zu waschen. Das lohnt sich in Anbetracht des ganzen anstehenden Händeschüttelns mit den Ausstellern sowieso nicht.

Stattdessen creme ich mir die Hände für die nächste Aktion gründlich mit Mayonnaise ein und betrete kurze Zeit später den bis zum Platzen gefüllten Daimler-Chrysler-Tempel. Dank einer Extraprise des mitgeführten Nuttendiesels werde ich im Gedränge nicht allzu sehr eingeengt und gelange relativ schnell zu den die Menschenmasse nach oben schaufelnden Rolltreppen, auf deren schwarzes Griffband ich die an meinen Händen klebende Mayonnaise möglichst unauffällig verteile.

Oben angekommen starte ich meinen ersten Rundgang, beobachte die mit Staubwedeln an den Ausstellungsfahrzeugen herumhantierenden Studenten, lasse meine fettigen Hände leidenschaftlich über den Neulack und die wunderschön gewienerten Autoscheiben gleiten und genieße die Haptik der edlen Materialien.

Um ein besonders schönes Cabriolet schart sich eine dichte Meute aufgeregter und überwiegend älterer Jägermeister mit Plauze und davor hängender Digicam. Ich drängle mich rücksichtslos ganz nach vorne und hantiere unbeholfen mit meiner Digicam herum, die dem fülligen Endfünfziger neben mir ganz zufällig aus kurzer Entfernung in die Augen blitzt. Ups, falsch herum! Ich entschuldige mich mit einem verlegenen Lächeln, das durch wilde Gesten mit den oberen Gliedmaßen entgegnet wird. Netter Mann!

Ein paar Meter weiter fällt mir eine aufgeregte und wild mit Kameras hantierende Menschentraube ins Auge, die um das Ausstellungshighlight schlechthin versammelt ist: einen wunderschönen, unerschwinglichen Mercedes mit Flügeltüren. Dieses edle Fahrzeug wird durch eine Absperrung von Berührungen geschützt. Eine lange Schlange Autobegeisterter Kleingeister wartet darauf, von einem bei ALDI ausrangierten Schürzen-Model durch die Absperrung gelassen zu werden, um sich für ein paar Sekunden in das unerschwingliche Fahrzeug hineinzusetzen. Das will ich auch!

Aber erst mal ist es Zeit für: Körperteilpunkte! Dabei gilt es, die eigenen Körperteile – welche auch immer – auf möglichst vielen Schnappschüssen der fotografierenden Meute zu platzieren. Für jedes dadurch versaute Bild gibt es imaginäre Körperteilpunkte: Je länger jemand darauf gewartet hat, endlich auf den Auslöser zu drücken, desto mehr Punkte gibt es, wenn die Aufnahme dann durch einen Arm oder eine Hand versaut wird. Einen Bonus gibt es für das Anrempeln im Moment der Bildaufnahme. Hat der Angestoßene ein gefährlich aussehendes Tattoo, wird der Bonus verdoppelt. Handelt es sich nicht um eine Digicam sondern eine analoge Kleinbildkamera, bei der jedes verschossene Bild Geld kostet, gibt es noch mal Extrapunkte.

Nach ca. 15 Minuten und einem neuen imaginären Highscore von 10.000 Körperteilpunkten verliere ich die Lust an der Sache und reihe mich in die Schlange der „unbedingt-einmal-in-einem-richtig-teuren-Auto-sitzen-müssen-IAA-linge“ ein.
Dank einer neuen Prise Nuttendiesel, zwei Knoblauchbrötchen und ein paar platziert gesetzten Blähungen bin ich relativ schnell am Ziel der Träume jedes Messebesuchers: Ich darf mich in das Mercedes-Benz-Messehighlight setzen, die Flügeltüren zumachen und in Ruhe alle Knöpfe und Schalter ausprobieren. Denn die Flügeltür ist zu und der Schalter, den ich zuerst gedrückt habe, ist für die Innenraumverriegelung zuständig. Mal schauen, wann die Meute draußen ungeduldig wird.

Fünf Minuten später spiele ich immer noch euphorisch mit den ganzen verschiedenen Schaltern und Knöpfen herum und betrachte die nervös werdende Flügeltürenplatzanweiserin heimlich aus den Augenwinkeln. Die ersten Leute in der Schlange werden ungeduldig und schauen demonstrativ auf ihre Uhr. Auch das Ex-Model schaut fragend zu mir ins Auto. Ich winke beruhigend zurück und signalisiere, dass ich gleich fertig bin.

Weitere fünf Minuten sind vergangen und die Meute hinter der Absperrung wird langsam unruhig. Die Flügeltürenplatzanweiserin versucht, die erregten Gemüter zu besänftigen, was mir endlich Gelegenheit gibt, den elektrischen Sitz ein bisschen nach vorne zu fahren, die mitgebrachte vollgeschissene Windel auszupacken und dahinter zu verstauen, den Sitz wieder zurückzufahren, die Tür zu öffnen, das Fahrzeug rasch zu verlassen, mich unauffällig hinter der Menschenmasse vor der Absperrung einzusortieren und die beiden mir folgenden Flügeltüreninsassen zu beobachten. Wie erwartet signalisiert sich der Gesichtsausdruck meiner Nachfolger nach anfänglicher Euphorie schnell nachhaltigen Ekel, nachdem die Türen geschlossen sind und die Sitzung wird nach kürzester Zeit beendet. Gut, dass es jetzt schneller voran geht.

Ich verlasse die Halle – natürlich nicht, ohne vorher den Ständer mit Autogrammkarten der Mercedes-Benz-Sportler zu plündern. Zwar weiß ich noch nicht, was ich mit 250 Autogrammkarten von Formel 1- und anderen Sportfahrern machen soll, aber entscheidend ist schließlich einzig und allein, dass keiner außer mir eine abbekommt.

Und ab geht’s zum Nobelmarkenärgern. Ich schwanke noch zwischen Ferrari, Aston Martin und Maybach, entscheide mich wegen des kürzeren Weges aber für Ferrari. Leider habe ich nicht damit gerechnet, dass der Ferrari-Stand offenbar Treffpunkt der 1. bundesdeutschen Kegelbrüder-mit-roten-Ferrarimützen-Klubtreffen ist. Ein Hindurchkommen zwischen dieser horrenden fleischigen Masse degenerierter, gröhlender, bierbäuchiger und weißsockiger 10-Zeller (für jeden Zylinder eine) ist hoffnungslos. Da ich mein Maschinengewehr nicht dabei habe und das Handgranatenfeuerzeug leider nur ein Feuerzeug ist, trete ich einen strategischen Rückzug an und beschließe, es vorerst einmal bei Aston Martin zu versuchen.

Aston Martin! Das einzig wirklich standesgemäße Fahrzeug für Bond, James Bond! Dank der eingebauten Maschinengewehre auch sinnvoll einsetzbar für Kegelbrüderklubtreffen auf der IAA oder deren Wohnmobile auf der linken Autobahnspur. Natürlich ist der komplette Aston Martin Stand Sperrgebiet. Der Eintritt erfolgt nur nach genauer Begutachtung des stellvertretenden Vorsitzenden des „Vereins für snobistische Lackaffen mit Kleiderbügel im Arsch e.V.“. Also gut, jetzt heißt es: Guten Eindruck machen und noch hochnäsiger und arroganter auftreten als der Gegenüber, dem man mit einem Blick zu verstehen gibt, dass man ihn noch nicht einmal als persönlichen Eisenbahnwaggon-von-unten-Putzer des privaten ICE-Luxuswaggons für einen Hungerlohn beschäftigen würde.

Dank des Einsatzes meiner speziellen IAA-Visitenkarte, die ich natürlich so überreiche, dass meine garantiert echte Rolex Oyster genauso wenig zu übersehen ist wie meine AmEx Centurion, klappt das auch hervorragend – und ich werde mit devotem Blick und leicht angedeutetem Buckel in das Heiligtum eingelassen. Die mir ausgestreckte Hand übersehe ich dabei natürlich. Weniger wegen des Standunterschiedes zwischen mir und dem gewöhnlichen Verkäufer als vielmehr wegen der Mayonnaise auf meiner Hand, die ich kurze Zeit später liebevoll auf dem edlen Holz im Innenraum des 150.000 Euro-Sportwagens verteile. In einem unbeobachteten Moment schaffe ich es auch noch, den toten Fisch im Handschuhfach zu verstauen und das gebrauchte Kondom zwischen die hinteren Notsitze zu klemmen.

Ich lasse mich dazu herab, mit einem weiteren Verkäufer – offensichtlich dem stellvertretenden Vorsitzen des „Vereins für bornierte Gesichtsausdrücke e.V.“ – ein Gespräch zu führen und beobachte dabei den Sabber auf seinen Lippen, als er einen Blick auf meine gut gefälschte AmEx erheischt. Kurze Zeit später sitze ich in der VIP-Lounge, werde von ausrangierten Bond-Girls aus den 60er Jahren mit exklusiven Getränken versorgt und lasse mir von meinem Gegenüber meinen ganz persönlichen Aston Martin konfigurieren. Natürlich geize ich nicht mit Details, schließlich spielt Geld keine Rolle.

Je näher der erwartete Vertragsabschluss rückt, desto triefender wird der Blick meines Gegenübers. Der ausliefernde Händler ist bereits ausgesucht, die Fahrzeugkonfiguration fast abgeschlossen. Fast, denn eine Sache habe ich noch vergessen: Die Anhängerkupplung! Die muss natürlich dabei, schließlich kann ich mein Pferd auf dem Weg zum Polo nicht im spärlich bemessenen Kofferraum transportieren.
Mein Gegenüber schaut mich bei diesem Hinweis mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen an, dessen Gehirnzellen spontan von allen neuronalen Zwangsverflechtungen befreit worden sind und deshalb freiflottierend durch den Schädelraum wabern – auf der Suche nach einem bekannten Muster, nach dem sie sich neu orientieren können. Ich frage noch einmal freundlich nach der maximalen Stützlast der Anhängerkupplung für meinen Traumwagen und bemerke, dass die bornierten Gesichtszüge meines Gegenübers in sich zusammenfallen wie ein gerade aufgehender Brandteig im Ofen bei zu früh geöffneter Ofentüre. Da ich auf meine Frage keine Antwort mehr bekomme sondern nur eine Art entsetztes Japsen wahrnehme, verschwende ich hier keine weitere Zeit mehr und verlasse den Verein. Dann halt nicht! Auf zu BMW!

Ich betrete die hoffnungslos überfüllte BMW Halle. Horden extrem aufgeregter IAA-linge drängeln sich um extrem hässliche High-tech Autos und wollen alle Probesitzen. Nein, ich bin weder hypochondroid noch paranoid und auch nicht begeisterungsunfähig. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum man so scharf drauf sein soll, seinen Hintern in ein Fahrzeug zu schwenken, in dem vorher schätzungsweise 5.000 andere Ärsche vorher gesessen haben. Ist es ein so tolles Gefühl, Lenkräder, Schalter und Knöpfe anzufassen, die vorher millionenmal von irgendwelchen Grabbelfingern betatscht worden sind, die möglicherweise kurz vorher einen syphilitischen Pillemann in der Hand hielten oder den vollgepissten Spülknopf des Herrenpissoirs gedrückt haben, ohne sich danach die Pfoten abzuwischen?

Ist schon einmal jemand in den Sinn gekommen, dass ein IAA Ausstellungsfahrzeug die optimale Gelegenheit für einen Terroranschlag ist, der Deutschland in Nullkommanix von einer nicht unerheblichen Anzahl unterbelichteter Individuen befreien kann! Man braucht dafür auf einem solchen Lenkrad nur einen tödlichen Virus platzieren, der beim Berühren der Möpse des Titelmädchens in der aktuellen BILD Zeitung zum plötzlichen Herztod führt.

Mir fallen drei große Bildschirme ins Auge, auf welchen die BMW Messeneuheiten live von einem schleimigen Moderator präsentiert werden, der beim „Offenen Bürgersender Darmdorf“ nicht mehr erste Wahl war. Live! Film! Fernsehen! Kamera! Cool!!! Ich presche mich nach vorne und versuche, möglichst effektiv und lange im Blickfeld der Kamera zu sein, dieser möglichst aufgeregt zuzuwinken und dabei so pubertär und verlegen wie irgendwie möglich zu Grinsen.

Die Kamera versucht mir zu entkommen und schwenkt hoch. Darauf bin ich vorbereitet! Schnell hole ich mein Pappschild mit der Aufschrift „Ich grüße meine Oma in Brechen!“ aus meinem Rucksack und halte es in die Kamera. Der Moderator ist nicht mehr zu erkennen, die Kamera versucht hektisch, die Position zu wechseln und wenn ich eine Oma in Brechen hätte, würde die sich jetzt bestimmt höllisch freuen.

Der Moderator steigt von seiner Bühne und interviewt ein paar Besucher. Ich drängle mich zum Ort des Geschehens und schaffe es, mit einer Hand volle 20 Sekunden lang zwei Finger hinter seinem Kopf hochzuhalten. Mit der anderen winke ich weiterhin wie blöd und versuche währenddessen, andere Besucher, die auch winken wollen, wegzudrängeln.

Leider falle ich mit meinen Verhalten überhaupt nicht auf. So macht das keinen Spaß – da müssen härtere Kaliber her. Ich drängle mich rücksichtslos in die Menschenmenge und platziere mich unmittelbar vor die Nase derjenigen Gaffer, die sich ganz besonders auf Zehenspitzen stellen müssen, um etwas von der Präsentation mitzubekommen. Dank meiner 1 Meter 90 ein lustiges Unterfangen. Zwar habe ich dabei ständig verärgerten Atem im Nacken, aber ich sehe mehr! Aber auch dieses Spiel wird schnell langweilig.

Ich schlendere also zu den BMW Geländewagen. Vor der Fahrertür eines besonders exklusiven Exemplars des ultimativen Sportwagens für Oberförster und Großstadtcowboys steht die übliche Schlange tennisbesockter IAA-linge, die beim genauen Betrachten den Eindruck erweckt, dass hier die Bewerber für das Casting der neuen ZDF Vorabendserie „Der Förster vom Odenwald auf großer Butterfahrt“ Schlange stehen. Wie dem auch sei – die Beifahrerseite interessiert offenbar niemanden. Außer mir.

Ich besteige also das Fahrzeug, lächele dem offenbar im 15. Monat schwangeren Kugelfisch mit Hut neben mir zu, der es mit hochrotem Schwitzkopf endlich geschafft hat, den Fahrersitz zu erklimmen, öffne das Handschuhfach, lasse mein Handgranatenfeuerzeug dort hineingleiten, wünsche dem entsetzt glotzenden Fettgesicht neben mir noch viel Spaß mit dem Auto und mache mich schnellstens durch den Hinterausgang von dannen.

Schon 15:00 Uhr – Zeit für eine leckere Bratwurst mit Brötchen. Obwohl mein Magen knurrt, beherrsche ich mich und esse das Ding nicht, sondern stürze erneut ins Gedränge auf dem Weg zum VW-Stand. Dabei versuche ich, möglichst vielen Leuten vor mir Bratwurstfett auf die Schulter, die Frisur oder sonst wohin tropfen zu lassen.

Bei VW entdecke ich den natürlichen Feind aller Autobahnlinksfahrer: Den klassischen Vertreterkombi mit TDI. Jetzt wird’s ernst! Zuerst einmal besichtige ich den exklusiven Innenraum mit hellbeiger Nappalederinnenausstattung ausgiebig mit meiner tropfenden Bratwurst und teste dabei intensiv die Kinderverträglichkeit dieses Vertreterautos. Ich stelle fest, dass eine ausgewachsene Bratwurst in voller Pracht und Länge in den Aschenbecher passt, wenn man nur lange genug drückt.

Auf dem Fahrersitz spiele ich ein bisschen mit der Verstellautomatik herum, bis ich die Funktionsweise verstanden habe und warte, bis sich ein nicht gerade kleingewachsener Mittdreißiger auf den Rücksitz hinter mir zwängt, der vermutlich die Geräumigkeit der Rücksitzbank testen möchte. Ich fahre den Fahrersitz mit aller Wucht zurück, bis ich einen wütenden Schrei höre, blicke mich entschuldigend um, tue so, als ob ich mit der Sitzverstellung nicht klarkomme und lege die Rücksitzlehne ganz aus Versehen noch weiter nach hinten um. So ein Pech! Im Rückspiegel kann ich gut das langsam rot anlaufende Gesicht meines Hintermannes beobachten und mache dabei die interessante Erfahrung, dass sich durch ein Betätigen der Sitzhöhenverstellung der Sitz noch ein paar Zentimeter mehr nach hinten bewegen lässt. Von hinten ertönt ein unartikuliertes Japsen. Ich entdecke das Navigationssystem und teste ausgiebig sämtliche Funktionen.

Eine Viertelstunde später entscheide ich, dass ich mir keinen VW Passat kaufen werde. Vor allem deshalb, weil mir die Sitzverstellung einfach nicht einfach genug konstruiert ist. Also verlasse das Fahrzeug wieder, winke dem immer noch mit hochroter Gesichtsfarbe wild gestikulierenden Fondpassagier fröhlich zu und tauche gutgelaunt im Gedränge unter. Mal sehen, was ich bei Audi anstellen kann.

Dort stehe ich schließlich vor meinem letzten Opfer: Einem bis unter die Dachkante mit High-tech vollgespickten Audi A8. Ich warte geduldig bis sich die obligatorische „Ich-will-auch-mal-in-einem-Auto-sitzen-dessen-Anzahlung-ich-mir-noch-nicht-mal-leisten-kann“-Schlange aufgelöst hat und nehme in der exklusiven Nobelkarosse platz. Auf Anhieb finde ich eine kleine Abdeckung im Armaturenbrett, die sich problemlos heraushebeln lässt, lasse das eingeschaltete und deshalb laut pfeifende Hörgerät vom Flohmarkt dort hineinfallen, schließe die Abdeckung wieder und nehme mit der neben dem Auto stehenden Audilette Kontakt auf.

Die Dame nimmt auf dem Beifahrersitz platz. Ich frage sie, woher denn der Pfeifton herkommt, den ich als äußerst störend empfinde, mache es mir bequem und schaue zu, wie sich die ratlose Dame durch sämtliche Menüs des multimedialen Bedienungssystems quält.

In den folgenden 20 Minuten genieße ich die elektrische Sitzmassage und stelle fest, dass das multimediale Bedienungssystem umfangreicher ist, als ich dachte. Während die Damen neben mir immer noch kämpft, murmele ich etwas von „schlechter Verarbeitung“ und mache einen kleinen Spaziergang durch die Ausstellungshalle.

Eine Viertelstunde später sitzt im pfeifenden Audi A8 neben der Audilette noch ein Audiletter mit einer Bedienungsanleitung, die vom Umfang her an die aktuelle Kurzausgabe des Brockhaus erinnert. Ich drehe eine weitere Runde.

Weitere 20 Minuten später ist rund um den pfeifenden Audi ein Absperrungsband gezogen. Im Auto sitzen 4 Personen mit Handbüchern, die wild gestikulieren. Ich hole mir etwas zu trinken.

Zurück vom Bierstand bemerke ich, dass zwei der vorhin noch im Audi sitzenden Personen mit Handbüchern durch Bundesgrenzschutz-Beamte ersetzt worden sind. Das wird bestimmt noch lustig hier… die Batterien halten nämlich knapp eine Woche. Ich überlege, ob das Auto total auseinander genommen werden muss oder gleich auf dem Messeparkplatz gesprengt wird und mache mich auf den Weg nach Hause, weil ich meinen Zug nicht verpassen will.

Ohne größere Zwischenfälle erreiche ich den Ausgang, begebe mich zur S-Bahn-Haltestelle, erdrängle mir mit meinen Ellenbogen einen Sitzplatz gegen ein paar kleingeistige Rentner, besteige eine halbe Stunde später meinen ICE, in dem ich die Sitzplatzreservierungsschilder so umtausche, dass in der ersten Stunde der an für sich langweiligen Bahnfahrt für kurzweilige Unterhaltung in Form sich heftig um die Sitzgelegenheiten streitenden Reisenden gesorgt ist und schaffe es auch diesmal, der hinter mir sitzenden Person ihren Kaffee durch ein heftiges Verstellen des Sitzmechanismus im richtigen Moment auf die Klamotten zu kippen.

Knappe vier Stunden später erreicht der Zug den Zielbahnhof. Ich nehme mir ein Taxi, weise den Taxifahrer während der Fahrt eindringlich auf rote Ampeln, zu überholende Fahrzeuge, Zebrastreifen, optimale Fahrtspurenwechsel und die richtige Schaltweise hin und torpediere die Erleichterung im Gesicht des Chauffeurs bei der Ankunft am Zielort gleich wieder dadurch, dass ich mit freundlichem Grinsen einen 500 Euro Schein hinhalte.

Insgesamt ein gelungenes Experiment. Das Leben ist gar nicht so schwer – man muss sich nur auf der richtigen Seite befinden.

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