Archive for the ‘Teppichflitzer’ Category

Flockenpüree-Usability

Freitag, April 17th, 2009

Natürlich geht nichts über die gute alte manuelle Art bei der Kartoffelpüreezubereitung: Kartoffeln schälen, kochen, mit Flüssigkeit stampfen, würzen und genießen. Manchmal muss es allerdings schnell gehen – zum Beispiel dann, wenn meine beiden quengelnden Teppichflitzer nur dann Ruhe geben werden, wenn die Münder mit etwas Essbarem gefüllt werden. Egal, ob hausgemacht oder fast gefooded.

Zeit fürs 08/15-Kids-Fast-Food-Gericht: Fischstäbchen mit Kartoffelpüree aus dem Beutel. Im Küchenschrank finde ich noch eine geöffnete Schachtel Maggi Flocken-Püree. Na also! Meßbecher raus, Flüssigkeiten genau bemessen (375ml Wasser und 125 ml Milch), alles nach Vorschrift zusammen geschüttet, nach Stoppuhr genau 60 Sekunden ruhen gelassen und dann noch einmal vorsichtig verrührt.

Fertig ist die Kartoffelsuppe! Der Begriff „flockig“ bekommt hier eine ganz neue Dimension. Die Pampe ist ungefähr so flockig wie der Stuhlgang des darmkranken Hundes von nebenan. Der Geschmack ist immerhin nicht ganz so intensiv, aber auch nicht wirklich definierbar. Es schmeckt halt nach Pampe.

Ich beäuge noch einmal aufmerksam die Verpackung mit dem flockigen Foto, studiere noch einmal die Gebrauchsanweisung und starte einen zweiten Versuch. Diesmal fülle ich die Flüssigkeiten mit einer Pipette ab. Auch hier dasselbe Ergebnis – das ungefähr so ausschaut, wie ich mir das Flockenpüree nach 5 Minuten in meinem Magen vorstelle. Eventuell habe ich das Falsche gekauft? Es gibt dieses Zeug ja schon mit Milchpulver drin – vielleicht ist das eine neue Version mit integrierten Magensäften, welche die Verdauung schon im Vorfeld übernehmen?

Da greife ich dann doch lieber zum guten alten ALDI Flocken-Püree: Meßbecher mit grober Liter-Einteilung raus, Mengen pi mal Daumen abgeschätzt und 5 Minuten später habe ich etwas auf dem Teller, das wirklich wie Kartoffelbrei aussieht und auch halbwegs so schmeckt. Und die Magensäfte erst dort erwartet, wo sie hingehören: Im Bauch.

Guten Appetit!

Volkssport Amokanrufen

Donnerstag, März 26th, 2009

Nein, das wird nicht der millionste Blogeintrag zum Thema „meine drei Lieblingsgründe für Amokläufe und was ich deshalb verbieten will“. Darüber ist genug und viel zu viel geschrieben worden.

Beschreibenswert ist allerdings, was passiert, wenn im benachbarten Kindergarten ein Amoklauf angekündigt wird. Dass die Kindergartenleitung sämtliche Eltern anruft und den Laden erstmal für ein paar Tage dicht macht, ist zu erwarten. Dass die Eltern mit einem wirklich ziemlich üblien Panikgefühl in der Magengegend alles stehn und liegen lassen, um ihre Teppichflitzer einzusammeln ebenfalls. Dass es sich vermutlich um einen saublöden Telefonstreich handelt auch.

Dass allerdings die Kripo ein paar Tage später im Kindergarten darüber informiert, dass es leider keine gesetzliche Möglichkeit gibt, die Telefondaten des Anrufers zu ermitteln, um den Urheber dieses in diesen Tagen üblichen aber deshalb kein bißchen weniger makabren „Scherzes“ zur Verantwortung zu ziehen und dabei unter anderem die 5-stelligen Kosten für den notwendigen Polizeieinsatz wieder reinzuholen, kommt eher unerwartet. Wohlgemerkt: Die technische Möglichkeit besteht. Aber eine Amokdrohung im Kindergarten scheint kein ausreichender Grund dafür zu sein, die Verbindungsdaten an die Exekutive herauszugeben.

Hoffen wir, dass der Scherzkeks demnächst ein paar mp3s oder Filme übers Netz saugt und erwischt wird… dann dürfte es keine Probleme mit dem Festsetzen geben.

Hightech-Klostühle in Aluminium

Sonntag, August 3rd, 2008

Gestern waren wir im Babymarkt. Kinderwagen gucken! Zwar ist es noch ein bisschen früh, aber erst mal informieren kann ja nicht schaden. Und: Endlich mal etwas, von dem ich etwas verstehe. Denn zur Verschlusstechnik bei Kindersachen oder zum Strickmuster bei Kindersocken kann ich nicht viel Hilfreiches beitragen, aber mit Fahrzeugen kennt „Mann“ sich ja aus. Dachte ich jedenfalls.

Schon beim Betreten des Babymarktes überkommt mich das spontane Gefühl, ein archäologisches Relikt aus einer lange vergangenen Zeit zu sein, in der Kinder mit prähistorischen Teilen fortbewegt wurden, die aus 4 Rädern, einer draufgesetzten Wanne mit Plüschzeugs drin und einem Windschutz dran bestanden und bestenfalls so zusammenklappbar waren, dass sie nur noch zwei Drittel des ursprünglichen Volumens einnahmen. In solchen Teilen bin ich Ende der goldenen 60er auch fortbewegt worden und habe meines Wissens keinen bleibenden Schaden davongetragen. Vermutlich reines Glück.
Gott sei Dank befindet sich im Babymarkt kompetentes und motiviertes Personal, das mich etwas fassungslos zwischen zwei High-Tech-Klostühlen im Aluminium-Design herumeiern sieht. Eine mittelalterliche Dame eilt freundlich aber bestimmt auf mich zu und fragt, ob sie helfen kann.

„Hallo, ich suche einen Kinderwagen“ antworte ich mit der unbefleckten Naivität eines Menschen, der bei Kinderwagen an genau das Gerät denkt, was ein 5-jähriges Kind entwirft, wenn es einen Kinderwagen malen soll.
„Für welchen Einsatzzweck denn?“ werde ich gefragt.
„Zur Fortbewegung eines Kindes“ lautet meine Antwort auf diese vollkommen überflüssige Frage. Ich bemerke, wie Blick und Ton der freundlichen Dame eine Nuance dunkler werden.
„Was für ein Kind ist es denn?“ möchte die Dame wissen
„Na, meins“ antworte ich ahnungslos. Ich verstehe anscheinend nur Bahnhof.
„Ich meine, welches Alter?“ kommt immer noch freundlich bemüht die prompte Gegenfrage
„Das kann ich ihnen erst nach der Geburt verraten“ antworte ich wahrheitsgemäß und ernte einen ersten, kurz aufblitzenden Giftblick.
„Also scheidet ein Buggy wohl aus“ höre ich die freundliche Dame sagen
„In der Tat. Wenn ich ein motorisiertes Strandgefährt suchen würde, wäre ich jetzt wohl kaum im Babymarkt“ entgegne ich lapidar
„Kombikarre, Sportwagen oder Jogger?“ kommt die nächste Frage wie aus der Pistole geschossen.

Bevor ich entgegnen kann „Weder noch – ich habe bereits ein Auto und zum Joggen brauche ich noch keinen Zivi“ drängt sich meine von ihrem Kurzrundgang durch den Laden zurückgekehrte und geliebte Erstbeste Hälfte zwischen mich und die freundliche Verkäuferin und flüstert ihr zu „er ist Baujahr 68“. Ich nehme hilfsbereit die Mütze ab, die mein lichtes Haupthaar verbirgt und versuche, möglichst lieb, harmlos und verwirrt zu wirken. Es funktioniert! Die Dame lächelt mich wieder freundlich an und meine Erstbeste Hälfte erklärt mir schnell, was mit Kombiwagen, Sportwagen, Sportkarre mit Softtasche, Jogger mit Verschlussdeckel gemeint ist. Ich beginne zu verstehen und nach kurzem Überlegen entscheiden wir uns für einen Kombi oder eine Sportkarre (für alle Männer: Das ist eine Kombination aus „drinliegen-und-Mama-und-Papa-angucken, „drin-sitzen-und- Mama-und-Papa-angucken“ und auch „drin-sitzen-und-nach-vorne-gucken“ und hat nichts mit Volvo und Laderaumabdeckung zu tun!!!)“

Das erste Exemplar, das uns vorgeführt wird, scheint eine Mischung aus ausgebürstetem Aluminium-Rollstuhl mit 4 gleichgroßen Rädern und Lidl-Einkaufswagen zu sein. Der Vorteil dieses Modells besteht offenbar darin, dass man sich beim Schieben mit dem Kind auf gleicher Augenhöhe befindet. Der kleine Nachteil sind etwaige Todesstürze beim Versuch des Kindes, sich ohne fremde Hilfe auf dieser rollenden Hochebene zu befreien. Was aber durch die Möglichkeit, das gesamte Teil auf 20x20cm zusammenzuklappen wieder wettgemacht wird. Passend dazu zeigt das Dessin außen ein glänzendes Silber, das Außenstehende darauf schließen lässt, dass hier offenbar Mork vom Ork Junior oder der legitime Nachfolger von R2D2 aus Krieg der Sterne transportiert wird. Die Innenfarben sind dafür abwechslungsreicher gestaltet: Sie sind das gelungene Ergebnis eines Designers, alle 16,8 Millionen Windows-Farbtöne in True-Color mit sämtlichen Mustern der Kulturen dieser Welt aus den letzten 50.000 Jahren vereinigt hat.

Ich flüstere meiner Erstbesten Hälfte zu, dass die Höhe dieses Gerätes es den Kindern wenigstens leicht macht, diese Welt, in der sie stundenlang mit solchen Mustern und Farben gequält werden, durch einen Todessturz wieder zu verlassen. Die freundliche Verkäufern, die diesen Kommentar mitgehört hat, schaut mich böse an.

„Ich hätte gern ein tiefergelegtes Modell, dessen Innenraum nicht von einem Psychopathen unter LSD-Einfluss gestaltet wurde“ bemerke ich so freundlich ich kann. „Wenn sie so etwas führen…“

Das nächste Exemplar sieht nicht ganz so gefährlich aus. Zwar ist auf den ersten Blick nicht ganz klar, ob es sich hierbei um ein Fortbewegungsmittel für lebendige Kinder oder eine Art Beerdigungsgefährt für verstorbene Zwergpudel handelt, aber das blauschwarze Dessin ist sicherlich austauschbar.

„Wo ist denn das vierte Rad hin?“ frage ich ahnungslos. „Muss man das extra bestellen?“

Einige umstehende Mütter, die – wie mir jetzt erst bewusst wird – ebenfalls Kinder in Dreirädern durch den Babymarkt bugsieren schauen böse zu mir herüber. Ich beschließe, mal dreie vier sein zu lassen und widme mich intensiv dem Klappmechanismus, mithilfe dessen man diesen Kinderwagen laut Werbeprospekt in einer Aktentasche transportieren kann und betrachte höchst interessiert Stangen, Nippel, Gelenke und Verbindungen.

„Das ist ein patentiertes Klappsystem mit schwenkbarem Bügel“ informiert mich die Verkäuferin. „Dank beiliegender Gebrauchsanweisung verstehen Sie das alles ganz schnell!“

Ich werfe einen Blick in die Gebrauchsanweisung und lese „ziehen sie den deckel an der roten ecke ab – heben weg der oberen teile durch rote farbe an punkt ecke“.

Das reicht! Ich bedanke mich freundlich für die Hilfe, ziehe meine geliebte Erstbeste Hälfte zum Ausgang und beschließe, diese beeindruckenden Impressionen jetzt erst einmal auf mich wirken zu lassen, ein paar erfahrene Eltern um Rat zu fragen und vielleicht doch das Angebot der Schwiegereltern anzunehmen, uns zur Geburt einen Kinderwagen zu schenken. Dann brauche ich mich mit diesem Kinderkram gar nicht erst beschäftigen und kann mich den wichtigeren Männersachen zuwenden. Schließlich brauchen wir auch noch einen Kindersitz fürs Auto. Vielleicht geh ich morgen mal wieder zum Babymarkt…

Windelfetischismus bei IKEA

Sonntag, März 30th, 2008

Der hier beschriebene Sachverhalt ist zwar genauso skurril wie viele meiner geschilderten und natürlich auch ausgeschmückten Erlebnisse, unterscheidet sich von diesen aber ganz erheblich: Er ist genauso passiert, wie ich es hier wiedergebe. Das Erlebnis selbst war schockierend genug und bedarf keiner weiteren Ausschmückungen.

Sollte der Leser oder die Leserin dieser Zeilen am Wahrheitsgehalt zweifeln, so weise ich darauf hin, dass ich mit meinen Texten amüsieren möchte. Die Inszenierung von Horror und das Herbeiführen von Ängsten sind nicht mein Metier und nicht mein Wunsch. Es würde mir deshalb nicht im Traum einfallen, solche Geschichten zu erfinden.

Ich habe deshalb lange überlegt, ob ich diesen Sachverhalt hier veröffentlichen soll. Dagegen spricht, dass diese Website eine humoristische Website sein soll, was auf den folgenden Text nicht zutrifft. Dagegen spricht auch, dass dieses Geschehnis durchaus Ängste hervorrufen kann und auch deshalb von vielen Lesern und Leserinnen als „Urban Legend“ abgetan wird.

Leider ist es keine Urban Legend sondern ein tatsächliches Erlebnis, das ich deshalb hier niederschreibe, um einerseits zu warnen und andererseits zu zeigen, wie desinteressiert die Hamburger Polizei daran ist, die Öffentlichkeit und in diesem Fall stillende und wickelnde Mütter vor offensichtlich sexuell schwer gestörten und gefährlichen Menschen zu schützen.

Da bei uns demnächst ein Umzug ansteht, wollten wir uns mal wieder ein bißchen an Billigmöbeln sattsehen und Pläne für die neue Behausung schmieden. Zwar gibt es noch keinen genauen Termin, fest steht jedoch, dass wir spätestens im Frühjahr 2005 die Wohnung wechseln werden. Rechtzeitig vor dem 5-jährigen Jubiläum in dieser Bruchbude mit diesem widerwärtigen Vermieter, dessen Vorübergehen mit einer unterträglichen Verlängerung des Mietkündigungszeitraums einhergehen würde.

Natürlich war es am Samstag Mittag voll bei IKEA in Moorfleet – einem Hamburger Gewerbestadtteil, in dessen Umfeld ein recht sozialspastisches Einzugsgebiet liegt. Was das Ikeaisieren umso spannender macht – die Möbel sind zwar ganz nett, aber viel interessanter sind die Besucher dort, die einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Tennissockenkultur darstellen – vor allem bei 28 Grad im Schatten.

Ich will Euch die bekannten Einzelheiten wie schwarzbehaarte, weisshäutige Rentnerstelzen in Bermudas und Deichmannsandalen mit einer Hautstruktur wie Michael Jacksons aktuelle Nase oder osteuropäische Spediteurs-Belegschaftsreisenangehörige mit Muskelshirts und K.O-Gas-kompatiblem Achselgeruch ersparen – das kennt ihr selbst zur Genüge. Ebenfalls nicht näher eingehen will ich auf die dummen Blicke, die unserem Family-Team (EBH, Junior und ich) beim intensiven Bettentest zugeworfen worden – ich will nunmal wissen, ob ein Ekström Bettsofa einen Zeugungsversuch übersteht, ohne das Gestänge zu verbiegen.

Auch die semantischen Highlights der neuen IKEA Kollektion 2005 will ich diesmal nicht näher erläutern – auch wenn ich mich beim Entdecken des Sessels „POÄNG“ fast vor Lachen verschluckt habe – wer will schon einen Sessel, der den Arsch offenbar Schraubstockmässig einengt? Und einen Versuch, den Farbton der Pampe zu erklären, den Köttbulars in Rahmsauce mit Preiselbeeren zusammen mit Ketchup und Majo der obligatorisch dazugewählten Pommes Frites erzeugen oder gar diesen Geschmack verzichte ich ebenfalls – die Wörter, die so etwas treffend erklären können sind auf dieser Welt noch nicht vorhanden.

Interessant wurde es erst nach dem Essen. Da Junior sich im Lauf des Mittags gründlich vollgeschissen hatte wollten wir für einen trockenen Hintern sorgen, bevor wir die herrliche Krimskramsabteilung im Erdgeschoss in aller Ruhe durchstöbern wollten. Nicht-Eltern mögen sich an der unmittelbaren zeitlichen Abfolge IKEA-Essen -> Windelwechseln stören. Ich kann Euch beruhigen: das hat keine philosophische Verbindung, sondern ist einfach eine für Eltern ganz normale Selbstverständlichkeit. Also ab zum IKEA Wickelraum.

IKEA hat sehr schöne Wickelräume. In Hamburg-Moorflett stehen zwei Wickelkommoden nebeneinander an der dem Eingang entgegengesetzten Wand; es gibt zwei gemütliche Stillsessel links der Eingangstür, Windeln mit free Refill, angenehmes Licht und einen geruchsdichten Vollgeschissene-Windeln-Behälter. Für alle Nicht-Eltern: Die Wickelkommoden sind gewöhnliche Kommoden mit einer Wickelauflage. Da die Wickelauflage fast immer tiefer ist als die Kommode selbst befindet sich hinter der Kommode also ca. 50 cm Luft. Das hat den Vorteil, dass man hinter der Wickelkommode gut Dinge wie Babywindeln verstauen kann und die Kommode später, wenn Junior ins Töpfchen oder sonst einen dafür vorgesehenen Behälter kotet, ohne Wickelauflage als normale Kommode verwenden kann. Zum Nachteil komme ich gleich.

Junior wird also auf die Wickelauflage gebettet, entwindelt, man freut sich, dass er noch nicht gekotet sondern nur gepieselt hat, weidet sich an seinem fröhlichen Gequieke und dem Versuch, sich in die über der Wickelauflage angebrachten Rolle Papier einzumumifizieren, die man unter das vollgeschissene Kind legt (eine Art Riesenküchenrolle halt, ähnlich wie die Dinger in Arztpraxen auf den Liegen) und beschliesst, natürlich nacheinander ein wenig Wasser nebenan zu lassen, um Junior einen kurzen Intervall eines windelfreien und nacktarschigen Daseins zu ermöglichen, was dieser sehr mag.

Erst verschwindet die EBH, ich gluckse derweil mit Junior um die Wette, knutsche seinen nackten Bauch (und hoffe, dass er mir dabei nicht ins Nasenloch uriniert) und warte auf die EBH, die schnell wieder da ist, um anschließend selber kurz die Blase zu entleeren. Was mir auch völlig unproblematisch gelingt. Bis dahin war auch alles ganz normal…

Als ich die Toilette wieder verlasse steht auf dem Flur eine total aufgelöste, hyperventilierende EBH mit einem laut schreienden Kind auf dem Arm, flankiert von einer IKEA Mitarbeiterin und einer älteren Kundin, die beruhigt auf meine EBH einreden, die sichtlich von der Rolle ist. Was ist denn hier los? Ich denke erst an den obligatorischen Sturz vom Wickeltisch, vor dem jede Oma bei jeder Familienfeier warnt oder eine Riesenspinne auf dem Wickeltisch, was meine EBH gar nicht mag und versuche rauszufinden was los ist bzw. los war. Was etwas schwierig ist, da ich die Erklärung meiner EBH erst nicht glauben kann bzw. an einen schwerwiegenden Übersetzungsfehler im Hörgerät denke. Irgendwann stellt sich dann aber heraus, dass ich wirklich richtig verstanden habe:

Hinter dem Wickeltisch (in den ca. 50 cm Abstand der Kommode zur Wand) hatte sich ein – ich sag jetzt mal ganz krass – Perverser versteckt. Ein Mann. Meine EBH entdeckte ihn, nachdem Sie sch in einen der beiden Stillsessel gesetzt und Junior gerade angelegt hatte. Man kann sich nur vage vorstellen, welcher Schock es für eine Frau ist, die gerade ein gewickeltes Kind an die Brust legt und hinter der Wickelkommode etwas entdeckt, das erst wie eine große Puppe aussieht und sich dann als Gesicht eines Mannes zwischen 20 und 30 herausstellt, der da sitzt und vermutlich auf den Windelgeruch oder das Baygeschrei onaniert. Ja, so etwas gibt es. Offenbar.

Die EBH macht das einzig verständliche, springt vom Stuhl hoch, rennt schreiend aus dem Wickelraum auf den Flur, wo sich recht schnell ein paar Leute um sie kümmern. Der Wickeltischmann flüchtet derweil Richtung Restaurant und verschwindet in der Menschenmenge. Ein paar vorbeiflanierende IKEA-Mitarbeiter zeigen marginales Interesse und gehen dann weiter Mittagessen. Junior schreit wie am Spieß (der Eindruck einer wie von der Tarantel aufspringenden Mutter, nachdem er grad friedilch angefangen hat zu trinken muss indeed für ein 6 Monate altes Kind mehr als schockierend gewesen sein). Ich beruhige beide so gut es geht, weiß auch nicht, was ich machen soll und denke erst an eine Halluzination oder so etwas. Beim Inspieren des Wickelraumes sieht es aber indeed sehr danach aus, dass dort jemand gesessen hat. Zudem meine EBH überhaupt nicht dazu neigt, zu halluzinieren oder derartiges Zeug zu erfinden.

Ich mache also das einzig Mögliche, frage immer wieder was passiert ist, biete beiden meine ruhige Schulter und verfluche meine Blase, die mich ausgerechnet in diesem Moment auf das Pissoir nebenan gelockt hat. Nach ein paar Schlucken Wasser gehts dann auch wieder halbwegs und wir begeben uns ins Erdgeschoss und versuchen weiter zu Ikeaisieren. Was aber nicht wirklich gelingt – der Tag ist versaut, das Umschalten auf „Normalität“ funktioniert überhaupt nicht (trotz einiger unkooridinierter Kaufentscheidungen) und an der Kasse wird mir klar, dass ich jetzt nicht einfach so nach Hause fahren kann, ohne etwas zu unternehmen. Nur: was? Jedenfalls will ich den Sachverhalt irgend einem Ikeaner erzählen und mich nach einer eventuellen Videoüberwachung erkundigen – vielleicht wird ja der Eingangsbereich zum Restaurant überwacht und man kann den Wickeltischmann auf den Aufnahmen wiedererkennen.

Wir begeben uns also nach dem Bezahlen (was, schon wieder soviel???) zur Information und schildern dort den Sachverhalt. Die dortige Mitarbeiterin ist sichtlich schockiert und schickt uns zum Kundenservice. Dort ziehen wir brav eine Nummer, stehen endlos lange hinter zwei Türkenmuttis, welche offenbar falsche Schrauben in der Tüte haben und erzählen unser Erlebnis dann dem Kundenservicemitarbeiter, der daraufhin den Sicherheitsdienst anruft und uns mitteilt, dass es leider keine Videoaufnahmen gibt, da das Filmen von Leuten auf dem Weg zur Toilette ein unbefugtes Eindringen in die Privatsphähre sei und der Betriebsrat das Filmen des Eingangsbereiches ablehnt, weil damit Mitarbeiter überwacht werden können, dass ihm die Angelegenheit leid tut aber er auch nichts machen kann und uns noch ein schönes Wochenende wünscht. Super.

Da Junior mittlerweile wieder vollgeschissen ist steht eine erneute Wicklung auf dem Plan und wir begeben uns Richtung Wickelraum im Erdgeschoss. Da sich die EBH verständlicherweise nicht mehr alleine und zuerst in den Wickelraum traut inspiziere ich diesen gründlich, natürlich ist alles im grünen Bereich und Junior wird gründlich entkackt. Als kurz darauf eine Putzfrau in den Wickelraum kommt und diesen reinigen will spreche ich sie auf unser Erlebnis an. Und siehe da: Die Putzfrau erzählt mir, dass sie vor ca. einer Woche einen Mann im Wickelraum überrascht hat, der sich offenbar gebrauchte Babywindeln aus dem Vollgeschissenewindelneimer in die Jacke geschoben hat und bei ihrem Anblick geflüchtet ist. Die Beschreibung passt haargenau auf den Mann, den auch meine EBH hinter dem Wickeltisch entdeckt hat.

Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich die Sache damit nicht auf sich beruhen lassen kann. Wir begeben uns erneut zur Information (die Putzfrau im Schlepptau), schildern erneut den Sachverhalt und bestehen darauf, mit einer übergeordneten Person zu sprechen. Was dann auch klappt – kurz darauf kommen der Filialleiter und der Restaurantchef herunter. Wir schildern kurz den Sachverhalt, verweisen darauf, dass es sich beim Wickeltischmann offenbar um einen Perversen handelt, der regelmässig in den IKEA Wickelräumen sein Unwesen treibt und dass da dringend etwas unternommen werden muss. Der Filialchef und der Restaurantchef sind sehr nett, verständnisvoll und beunruhigt, bitten um unsere Adresse, damit wir im Fall einer Zugriffs auf den Wickeltischmann Anzeige erstatten können bzw. als Zeugen aussagen können. versichern glaubhaft, sich sofort um eine intensive Bewachung der Wickelräume zu kümmern, die Belegschaft und die Hausdetektive sowie weitere IKEA Filialen im Hamburger Umland zu informieren und alles Machbare zu unternehmen, diesen Typ zu fassen. Wir bekommen tausend Entschuldigungen und zwei Restaurantgutscheine und verlassen irgendwie etwas erleichtert IKEA Moorfleet.

Und überlegen lange und immer wieder, was wir hätten machen sollen, was wir hätten anders machen sollen, warum es Leute gibt, die auf vollgeschissene Babywindeln stehen, wie meine EBH jetzt die Angst wieder loswird, öffentliche Wickelräume zu benutzen, warum man sich bei IKEA in so einem Fall endlos lange durchkämpfen muss, bis jemand auf so etwas reagiert, ob der Typ gefunden wird, was passiert wenn er gefunden wird, wegen was man ihn überhaupt anzeigen kann (ist Verstecken hinterm Wickeltisch strafbar? Das Klauen von gebrauchten Windeln dürfte auch kaum Erregung öffentlichen Ärgernisses sein…), ob ne Therapie bei sowas helfen kann, ob der Typ gefährlich war, was passiert wäre wenn ich nicht pissen gegangen wäre, ob ich den halbtot geschlagen hätte oder mich selber so erschrocken hätte, dass ich viel zu spät reagiert hätte, und ob wir jemals wieder zu IKEA gehen können ohne an Perversionen zu denken. Ich habe keine Ahnung.

Wir waren übrigens nach einigem Hin-und-her-überlegen am nächsten Abend auf der Polizeiwache um die Ecke, um uns zu informieren, was wir machen können, ob beispeilsweise eine Anzeige sinnvoll ist, oder ob mal nachgeforscht werden kann, ob dieser Typ schon woanders in Erscheinung getreten und möglicherweise registriert ist. Vorab: Es war ein kurzer Besuch. Denn der Typ hat nichts Strafbares gemacht und deshalb interessiert das die Polizei alles überhaupt nicht.

O-Ton des befehlshabenden ‚Laubfroschs‘: „Kann ja sein, dass er da einfach hinter dem Wickeltisch geschlafen hat.“ Solange er also nicht proaktiv jemanden angreift, ist es das Problem von IKEA und nicht der Polizei. Eine Anzeige deswegen können sie gar nicht aufnehmen; an einem Kontaktieren der Sitte oder einer Überprüfung, ob so etwas schonmal vorgekommen ist, bestand ebenfalls kein Interesse.

Zwar kann das IKEA Wachpersonal, falls es den Typ mal schnappt und festhält, natürlich die Polizei rufen, die den Typ dann überprüft. Das ist aber auch alles. Natürlich kann IKEA dann auch ein Hausverbot erteilen. Aber mehr auch nicht, solange sie nicht beweisen können, dass etwas Strafbares gemacht wurde (ob heimliches Onanieren strafbar ist wußte der Schutzmann da leider nicht).

Im Endeffekt dürfen wir wohl froh sein, dass meine EBH keine Anzeige bekommen hat, weil sie ihn geweckt hat. Oder weil sie ihn beim heimlichen Onanieren beobachtet hat. Im Nachhinein kann ich wohl auch froh sein, dass ich just in dem Moment des Erwischens auf der Herrentoilette war. Ansonsten hätte ich wohl eine Anzeige wegen Körperverletzung bekommen.

Soviel zum Thema „der Perverse in der Bundesrepublik in freier Wildbahn“.

Galoppelschlooooooorz

Montag, Februar 20th, 2006

Tja – jetzt haben wir es uns wohl mit dem Frauenarzt verscherzt. Und mit seiner Sprechstundenhilfe – einem ganz besonders frustrierten, C&A gestylten und dauergewellten Rotbäckchens, dessen einzig freudiges Erlebnis Tag für Tag vermutlich der befriedigende Stuhlgang ist. Aber eins nach dem anderen:

Die vorletzte Vorsorgeuntersuchung haben wir nicht beim Frauenarzt sondern bei einer Hebamme gemacht. Und das war wirklich ein ganz neues Lustgefühl. Nicht, dass wir mit unserem Frauenarzt bislang unzufrieden gewesen sind. Aber bei einer Hebamme ist alles ganz anders – und einfach besser. Die Atmosphäre ist viel schöner als beim Arzt, man hat viel mehr Zeit, in der man 1000 Fragen beantwortet bekommt und einfach viel mehr das Gefühl, dass im Bauch etwas Schönes passiert als beim Frauenarzt, bei dem das Wort „Krankheit“ halt immer wie ein Damoklesschwert in der Praxis hängt.

Trotz dieser tollen Erfahrungen waren wir nach dem ersten Hebammentermin noch einmal beim Arzt: Wegen einer Anti-Antikörper-Spritze, die immer dann gegeben wird, wenn die Erzeuger des Kindes einen unterschiedlichen Blutgruppen-Rhesusfaktor haben. Und weil der Termin beim Arzt halt schon vorher feststand.
Also treffen wir pünktlich am Mittwochmorgen in der Praxis ein und ich laufe beim Versuch das Wartezimmer zu betreten, während die geliebte Erstbeste Hälfte mit der obligatorischen Urinprobe beschäftigt ist, vor eine imaginäre Wand aus Rauch, die meine Polypen Amok laufen lässt.

Im Wartezimmer sitzt ein älterer Herr mit schicken weißen Tennissocken zur Aldi Jeans und quer über die Glatze positionierten Haarsträhnen mit einer Art „Tochter“, die aussieht wie ein Junkie nach 2 Tagen Entzug. Das komplette Wartezimmer duftet dermaßen penetrant nach Zigarettenrauch, dass ich spontan ein Sit-in auf dem Flur vorm Wartezimmer inszeniere, was das dauergewellte Rotbäckchen hinter dem Empfangstresen grantig werden lässt. Immerhin dürfen wir dank dieser Protestaktion schnell ins Behandlungszimmer.

Blutabnahme rechts, Blutabnahme links, Blutdruck messen, Gewicht ermitteln (übrigens die einzige Situation in der westlichen Hemisphäre, in der sich eine Frau über die Gewichtszunahme freut) und Antikörperspritze gibt es gleich mit dabei in einem Rutsch. Danach sollen wir zum CTG. „CTG?“ fragen ich und die Erstbeste Hälfte entgeistert. „Wehenschreiber!“ werden wir aufgeklärt. Ahja. Noch nie gehört. Aber sicherlich praktisch, so ein Ding. Vor allem in der 30. Woche. Zwar gibt’s noch keine Wehen, aber das Teil wird schon welche finden.

Die liebe Erstbeste Hälfte wird auf eine Trage gebahrt und bekommt zwei Kopfhörerenden auf den Bauch geschnallt. Und diese Kopfhörerenden horchen jetzt den Bauchinhalt ab. Eigentlich ganz interessant, mal so einen Herzschlag zu hören. Klingt ungefähr so wie das Galoppel aus Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“. Sehr faszinierend. Relativ störend ist nur diese nervige Schlorzen, das die Nabelschnur produziert. Und das sich ungefähr wie eine Mischung aus Fettabsaugung und Strohalmsaugen im fast leer gesaugten McDonalds Milchshakebecher anhört.

Also liegt man da, horcht gebannt auf „SCHLCHCHCHRTZgaloppelgaloppel… SCHLCHCHCHCHCHRTZgaloppelgaloppel“ und glotzt dabei auf eine Anzeige der Beats per Minute, die sich irgendwo zwischen Front242 und Prodigy einpendeln. Das wäre überhaupt mal eine Idee, da mal einen Song draus zu machen – komisch, dass Depeche Mode noch nicht auf diese Idee gekommen sind. Und während der ganzen Aktion zeichnet eine Art Seismograph die Wehen auf, obwohl es noch gar keine Wehen gibt, aber das ist egal. Solange da was galoppelt und schlorzt, kann etwas aufgezeichnet werden, und darum geht’s ja schließlich.

Warum musste ich die ganze Zeit an „Den Sinn des Lebens“ von den Pythons denken? Die Maschine mit dem *PIEEEP* im „Wunder der Geburt“ – das gibt es wirklich! Nur macht das Ding halt nicht *PIEEEP* sondern – wie schon beschrieben – „galoppelgaloppelSCHLOOORZgaloppelgaloppel“. Aber mit dem Sound hätte der Film vermutlich keine Jugendfreigabe erhalten.

Also liegt die Erstbeste Hälfte rücklings und unbequem auf der Liege, wir beide lauschen angespannt der Geräuschkulisse und starren gebannt auf die BpM-Anzeige. Die teils sehr schwankt, teils aussetzt und damit vor allem eins macht: Nervösität erzeugen. Natürlich ist alles in bester Ordnung, aber wer schon mal 10 Minuten einem übertragungsbedingt schwankenden Herzschlag zuhört und dabei zugesehen hat, wie das „Galoppel“ von 157 auf 119 runtergeht, der denkt sofort an Emergency Room und das berühmte „*pieep* *pieeeep* *pieeeeep* *pieeeeeeeeee…*. Aber das spielt keine Rolle – das Teil steht halt in der Praxis und soll benutzt werden, die Krankenkasse bezahlt es auch und ist froh, wenn hinterher ein Auszug der seismographischen Bauchbewegungen vorliegt, der eigentlich gar nix aussagt. Außer, dass alles ok ist. Aber das wussten wir auch vorher. Oder dass irgendwas nicht ok ist, was man zu diesem Zeitpunkt vermutlich auch nicht mehr ändern kann.

Nächste Station: Ultraschall, oder: Babyfernsehn. Juchuu!!! Es gibt doch nichts Schöneres, als auf den Bildschirm zu glotzen und Missbildungen zu suchen, nicht wahr? Leider gibt’s beim Frauenarzt kein Popcorn. Das nächste Mal werde ich sicher dran denken.

Interessant sind auch die Dialoge beim Babyfernsehen:
Ich: „Das sieht aus wie mein Pudding von gestern Abend“
Meine Erstbeste Hälfte schaut böse.
Ich: „Könnte auch ein abstraktes Gemälde sein… so als wenn Dali im Vollsuff versucht hat, ein Magengeschwür zu zeichnen“
Meine Erstbeste Hälfte schaut noch böser.

Aber man bekommt irgendwann Übung, doch was zu erkennen. Und dann gibt’s z.B. solche Dialoge für Ultraschall-Fortgeschrittene:

„Sind das nicht 6 Zehen, Schatz?“
„Nein, das sieht nur so aus. Aber die Nase sieht so merkwürdig aus..“
„Nase? Du meinst den Penis da?“

Klasse Sache! Und absolut notwendig! Es könnten ja wirklich Missbildungen erscheinen! Und dann ist es gut, wenn man es weiß, weil man sich dann volle 10 Wochen intensiv mit der Frage beschäftigen kann, ob das Kind eher wie der Glöckner von Notre Dame oder der Elefantenmensch aussehen wird. Was die Schwangerschaft so richtig spannend macht.

Aber es ist alles in Ordnung. Und selbst wenn etwas nicht in Ordnung wäre würde es der Arzt vermutlich nichts sagen, um keine Unruhe zu erzeugen. Unruhig genug ist man nach der Galoppelschlorz-Geschichte mit den schwankenden BpM’s ja eh schon. Und beschließt, künftig wohl doch lieber nur noch zur Hebamme zu gehen. Lieder hat man diese Rechnung ohne die Blockwärtin an der Frauenarzt-Rezeption gemacht.

SSH: (Sprechstundenhilfe): „Sie brauchen dann einen neuen Termin.“
EBH: (Erstbeste Hälfte): „Den machen wir telefonisch, wir haben den nächsten Termin erstmal bei der Hebamme“.

TOTENSTILLE

Die Sprechstundenhilfe schaut uns mit einem Blick an, als hätte man als 80-jähriges Gemeindemitglied einer oberbayrischen Dorfgemeinde dem Dorfpfarrer mitgeteilt, dass man ab sofort einer Hare Krishna Gruppe beitreten wird. Oder als hätte man als Erstbeste Hälfte eines katholischen CSU Stadtrates in Oberbayern ebendiesem beim Mittagstisch erwähnt, dass man den GRÜNEN beigetreten ist, weil’s da immer so leckeres Gras gibt. Oder wie auch immer… jedenfalls scheint dieses Wort „Hebamme“ in der Frauenarztpraxis ein Sakrileg zu sein.

SSH: „Ja das geht nicht, die Hebamme kann gar kein Blut untersuchen und ist das denn mit dem Herrn Doktor abgesprochen?“
EBH: „Ja, der weiß Bescheid dass wir auch zur Hebamme gehen“
SSH: „Wir können da aber KEINE Garantie mehr geben, wirklich GAR keine“

Ich kann es mir grade noch verkneifen zu fragen, wie lange denn Garantie auf das Kind gegeben wird, ob der Umtausch sehr problematisch ist und warum die Eltern der Sprechstundenhilfe denn diese Umtauschmöglichkeit damals nicht wahrgenommen haben…

EBH (genervt): „wir machen das telefonisch, mit dem Termin“
SSH: „Ja das geht aber nicht, wir können da auch keinen Termin mehr garantieren, weil Vorsorge machen wir nicht jeden Tag und telefonisch kann ich das nicht machen“.

Ich werde in Anbetracht meiner verunsicherten und hilflosen EBH langsam sauer und will mich gerade einmischen, als der Doktor persönlich aus seinem Behandlungszimmer kommt.

SSH: „Herr Doktor kommens doch mal… Frau Soundso möchte in Zukunft lieber zur Hebamme, was sagen sie denn dazu?“

Der Frauenarzt guckt kritisch, ist relativ perplex und gibt mit seinem Blick ebenfalls zu verstehen, dass man in diesem Fall definitiv damit rechnen muss, ne Mischung aus Glöckner von Notre Dame, Grinch und Sprechstundenhilfe auf die Welt zu bringen und dass er in diesem Fall keine Regressansprüche erfüllen kann.

„EBH“ (konsterniert): Ja gut dann machen wir einen Termin am 8. Januar“
„SSH“ (mit Siegesgrinsen): Ja gut, das geht
Ich (mit freundlichem Lächeln): „Den kann man dann ja auch telefonisch absagen, falls man auf den Garantieanspruch scheißt und das Balg eh vor der nächsten Kirchentür ablegen wird, wenn es Ihnen ähnlich sieht?“

Nein.. nicht wirklich… aber es lag mir auf der Zunge. Jedenfalls sind wir dann mit neuem Termin raus aus dem Laden und der Tag war restlos gelaufen. Und ich stelle mal wieder fest, dass Deutschland offenbar ein medizinisches Entwicklungsland ist,

– wenn nicht mal die Sprechstundenhilfe beim Frauenarzt weiß, dass bei einer Geburt weder Frauenarzt noch Kinderarzt anwesend sein müssen, sehr wohl aber eine Hebamme und dass Hebammen alle Vorsorgeuntersuchungen machen können. Und auch die Nachsorge.
– wenn Patienten weder über das Anstehen noch den Sinn bestimmter Untersuchungen unterrichtet werden
– wenn diese Untersuchungen darüber hinaus vollkommen amateurhaft durchgeführt werden – ein CTG sollte bei einer hochschwangeren Frau nach Möglichkeit NICHT in Rückenlage durchgeführt werden. In diesem Fall besteht nämlich die Gefahr einer Unterversorgung des Ungeborenen dadurch, dass die Blutversorgung beeinträchtigt wird
– wenn es mit Ausnahme von Deutschland in fast allen europäischen Ländern vollkommen normal ist, in denen ein Großteil der Kinder mit Hebammenbegleitung zuhause zur Welt kommt.

Denn so eine Geburt ist auch bei allen möglichen Komplikationen doch eine recht natürliche Sache. Und keinesfalls eine gefährliche Krankheit, an die man nur Ärzte ranlassen darf. Die darüber hinaus ziemlich grantig werden, wenn man keine Lust mehr auf diese umfangreiche Pränataldiagnostik hat, deren Hauptaufgabe es ist, Nervosität zu erzeugen.

Nein, wir sind sicherlich nicht leichtsinnig. Wir sind bestens informiert, meine Erstbeste Hälfte raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und wir tun wirklich alles, um dem Ungeborenen einen optimalen Start ins Leben zu ermöglichen. Nur: Babyfernsehen bringt ab einem bestimmten Zeitpunkt gar nichts mehr, sofern es nicht aufgrund von Komplikationen notwendig ist. Selbst wenn man dadurch irgendwann Missbildungen erkennt: Was für Konsequenzen sind das? Abtreibung in der 30. Woche? Rückgabe mit Garantierecht?

Das Kind liegt im Bauch und wird so zur Welt kommen, wie es halt ist. Und wenn es 6 Zehen hat, dann hat es halt 6 Zehen. Oder Down Syndrom. Oder keine Ohren. Ein Mensch ist es trotzdem. Den man kaum im Bauch operieren kann, wenn man etwas Auffälliges feststellt. Man kann nur genau das: Auffälligkeiten, Abnormalitäten feststellen. Und nervös machen. Aber ohne uns.

Denn es ist alles absolut bestens. Es gibt keine Auffälligkeiten, keine Schwierigkeiten, keine Unnormalitäten und keinen Grund zur Sorge. Sorge bereitet nur die Katastrophenmedizin in Deutschland. Aber wen wundert das – in einem Land, in dem 60-70% aller Schwangerschaften als Risikoschwangerschaft eingestuft werden?